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«Ich bin immer wieder beeindruckt, was in sozialen Institutionen alles geleistet wird», erzählt Michael Herzka. Der Studienleiter des MAS Sozialmanagement am Departement Soziale Arbeit der ZHAW war lange in der Entwicklungszusammenarbeit tätig und hat die Soziale Arbeit aus einer Aussenperspektive kennengelernt: «Die Vielfalt der Bedürfnisse und Ansprüche, die abgedeckt werden müssen, ist bemerkenswert. Was Sozialarbeitende in ihrem Alltag machen, ist eigentlich häufig sehr komplexes Managen.» Die Profession könnte es sich deshalb durchaus erlauben, ein bisschen selbstbewusster aufzutreten und auf ihre Leistungen hinzuweisen, ist er überzeugt.
Praktiker wissen mehr, als sie glauben
Dieser Meinung ist auch Anna Schmid. Die Dozentin für Sozialmanagement in der Bachelor-Ausbildung des Departements für Soziale Arbeit der ZHAW hat die Erfahrung gemacht, dass sich Praktikerinnen und Praktiker oft gar nicht darüber bewusst sind, was sie bereits alles wissen: «Da sie sehr stark in die täglichen Arbeitsprozesse eingebunden sind, fehlt es ihnen oft an der Zeit, sich ihres Handlungswissens bewusst zu werden.»
Wenn dann jemand das implizite Wissen sichtbar mache, komme erstaunlich viel Know-How zum Vorschein. Das hat Anna Schmid erlebt, als sie für ihre Dissertation die Organisationsstruktur eines Strassenkinderprojektes in Brasilien untersuchte. «Ich habe vor allem das Handlungswissen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammengetragen - von denen die meisten übrigens funktionale Analphabeten sind. Und bin dabei auf höchst überlegte Konzepte gestossen, die der aktuellen Literatur in nichts nachstehen», berichtet sie.
Anna Schmid ist überzeugt, dass auch in anderen sozialen Institutionen viel implizites Handlungswissen vorhanden ist. In der Ausbildung im Bereich Sozialmanagement geht es ihr deshalb nicht darum, den Leuten zu sagen, was sie bisher falsch gemacht haben. Ihr Ziel ist es vielmehr, den Studierenden eine Möglichkeit zu geben, ihr Wissen zu reflektieren und darauf aufbauend ihre Kompetenz, Organisationen mitzugestalten, weiter zu entwickeln. Denn: «Es läuft ja schon sehr vieles sehr gut in diesen Institutionen.»
Kritischer Umgang mit Management-Methoden erwünscht
Heisst das also, dass Personen aus dem Sozialbereich keine Methoden und Ansätze aus der Profit-Wirtschaft übernehmen sollen?
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Michael Herzka relativiert: «Institutionen im Sozialbereich sind heute auch Betriebe und ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor.» Deshalb sei es für sie durchaus sinnvoll, sich mit Management-Wissen aus der Profit-Wirtschaft auseinanderzusetzen. «Soweit es um die Ökonomie einer Organisation geht und um den Ressourceneinsatz, sind die Methoden in der Profit- und in der Non-Profit-Wirtschaft sehr ähnlich», ist er überzeugt. Ihm ist es aber wichtig, dass die Führungskräfte aus dem Sozialbereich die Wirtschaftsmethoden kritisch übernehmen und den jeweiligen Anforderungen ihrer eigenen Institution anpassen. «Man muss die Institution, die man managen will, gut kennen», ist auch Anna Schmid überzeugt. Jeder Betrieb, jede Institution funktioniere wieder ein bisschen anders – das gelte für die Profit-Wirtschaft genauso wie für den Sozialbereich. Es mache deshalb wenig Sinn, eine Methode aus der Wirtschaft oder aus einer anderen sozialen Institution blind zu übernehmen: «Anpassungen sind immer nötig - ein Instrument entbindet nie von der eigenen Denkleistung», betont sie. |
Michael Herzka: «Institutionen im Sozialbereich sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor» (Bild: ZVG) |
Ein Jugendheim ist keine Autofabrik
«Die» soziale Institution gibt es also nicht, genauso wenig, wie es «das» Profit-Unternehmen gibt. Dennoch lassen sich tendenziell einige Unterschiede zwischen dem Profit- und dem Nonprofit-Sektor ausmachen.
Anna Schmid hat zum Beispiel beobachtet, dass man in sozialen Institutionen nicht gleich führen kann wie in der Industrie. «In der sprichwörtlichen Autofabrik hat man es in der Regel mit linearen Prozessen zu tun – vereinfacht gesagt folgt hier am Fliessband ein Arbeitsschritt dem anderen.» In sozialen Institutionen habe man es dagegen mit zirkulären, komplexen, wenig vorhersehbaren sozialen Prozessen zu tun, beispielsweise bei der Betreuung von Jugendlichen. Hier ist die Beziehungsqualität eine wichtige Dimension.
«Natürlich spielt die Beziehungsqualität beispielsweise auch in Banken und Versicherungen eine Rolle», weiss die ehemalige Bank-Mitarbeiterin. «Aber dort interessiert einen das mehr auf der Ebene der Produktivität. In pädagogischen Einrichtungen basiert dagegen der ganze Lern- und Entwicklungsprozess stark auf Beziehungen.»
Michael Herzka glaubt auch, dass Vorgesetzte im Sozialbereich anders führen als in der Profit-Wirtschaft: «Die Motivationen, Interessen und Anliegen einer Führungsperson sind hier anders als in der Wirtschaft. Fragen der Teilhabe und der sozialen Gerechtigkeit sind Bestandteil der Berufsidentität. Das wirkt sich auch auf die Art und Weise aus, wie geführt wird.» Tendenziell führten Chefs in sozialen Organisationen deshalb partizipativer und integrativer: «Ob das in jedem Fall die bessere Führung ist, ist nochmals eine andere Frage.»
Befreiungspädagogik für Banker
Kann umgekehrt auch die Profit-Wirtschaft vom Wissen aus dem Sozialbereich profitieren? Davon sind beide Dozierenden überzeugt.
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Anna Schmid: «Ein Instrument entbindet nicht von der eigenen Denkleistung.»(Bild: ZVG) |
Anna Schmid erzählt dazu eine Anekdote aus ihrer eigenen beruflichen Erfahrung. Sie war lange im Personalbereich einer Schweizer Grossbank tätig. Dort hatte sie unter anderem den Auftrag, ein interkulturelles Training für die Mitarbeitenden zu entwickeln. «Ich kam damals gerade aus dem Strassenkinderprojekt in Brasilien zurück, wo ich nach den befreiungspädagogischen Ansätzen von Paulo Freire gearbeitet hatte. Ich habe diese Ansätze dann auch in diesem interkulturellen Training verwendet – natürlich ohne das intern so zu kommunizieren», erzählt sie lachend. Diese Ansätze waren sehr stark auf Persönlichkeitsentwicklung ausgerichtet, etwas für die Banker eher Ungewohntes. Der Kurs wurde zum Erfolg: Obwohl er freiwillig war, war die Nachfrage gross. |
«Die Mitarbeitenden sagten, es sei einer der härtesten Kurse gewesen, den sie je besucht hätten – aber auch einer der besten», berichtet Anna Schmid von diesem erfolgreichen Know-How-Transfer vom Sozialwesen in die Grossbank.
Stefanie Arnold
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Michael Herzka Michael Herzka hat an der Universität Zürich Soziologie, Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte studiert und mit Doktorat abgeschlossen. Anschliessend war er unter anderem Bildungsbeauftragter von UNICEF, Programmkoordinator beim HEKS und Geschäftsleiter von terre des hommes schweiz und engagierte sich ehrenamtlich als Präsident der Erklärung von Bern.
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Anna Schmid Anna Schmid ist Psychologin (Schwerpunkt Organisationspsychologie) und arbeitete während 13 Jahren im Personalwesen einer Grossbank. Ebenso lange ist sie im Sozialbereich tätig. Sie verfügt über einen CAS in Entwicklung und Zusammenarbeit der ETH Zürich, engagiert sich für Strassenkinderprojekte in Brasilien und hat ihre Dissertation zu einer solchen Institution verfasst. Dr. des. Anna Schmid ist seit Oktober 2008 Dozentin für «Sozialmanagement» in der Bachelor-Ausbildung des Departements S der ZHAW sowie im Master Soziale Arbeit und forscht zu Organisation und Qualität in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. |
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Zum Archiv: |
Die Praxis der Sozialwissenschaft
Leitung in der Sozialen Arbeit
Strategieentwicklung kurz und klar -
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MAS Sozialmanagement am Dep. Soziale Arbeit der ZHAW Der MAS Sozialmanagement besteht aus drei Zertifikatslehrgängen (CAS), die auch einzeln besucht werden können: - CAS Leiten in Non-Profit-Organisationen - CAS Organisationen verstehen und entwickeln - CAS Betriebswirtschaft in Nonprofit-Organisationen Der CAS Leiten in Non-Profit-Organisationen wird aufgrund der grossen Nachfrage ab Frühling 2010 zweimal jährlich durchgeführt. Weitere Informationen: www.sozialearbeit.zhaw.ch/mas-sozialmanagement |
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Sozialmanagement an weiteren Schweizer Hochschulen:
Berner Fachhochschule, Soziale Arbeit MAS Management im Sozial- und Gesundheitsbereich Hochschule Luzern, Soziale Arbeit MAS Betriebswirtschaft für Nonprofit-Organisationen Fachhochschule Nordwestschweiz, Soziale Arbeit und Wirtschaft MAS in Management of Social Services Fachhochschule St. Gallen, Soziale Arbeit Verbandsmanagement Institut VMI Universität Fribourg |
