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Der Eingang zu den Büroräumen der Frauenberatung Flora Dora liegt etwas versteckt in einer kleinen Gasse neben dem Jugendzentrum. Ursula Kocher begrüsst mich mit einem offenen Lächeln und einem sicheren Händedruck. Die Sozialarbeiterin ist Betriebsleiterin der Frauenberatung Flora Dora, eines sechsköpfigen Teams, das Sexarbeiterinnen am Strassenstrich auf dem Sihlquai betreut.
«Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Frauen gut über die Zeit zu bringen, in der sie am Sihlquai anschaffen», umreisst Ursula ihre Tätigkeit. Kern- und Angelpunkt von Flora Dora ist ein Bus von der Grösse eines Campers, der direkt am Strassenstrich aufgestellt ist. Jeweils zwei Mitarbeiterinnen sind montags bis samstags von 20 Uhr bis 1 Uhr im Bus präsent und bieten den Frauen neben Informationen und Beratung vor allem auch einen Schonraum, in dem sie vor den Blicken der Freier geschützt sind.
Das Flora-Dora-Team ist interdisziplinär, es besteht aus Frauen aus der Pflege und aus der Sozialarbeit. Einmal wöchentlich bietet zudem eine Ärztin im Bus Konsultationen an. Verstärkt wird das Team durch eine Praktikantin und einmal monatlich durch eine Mitarbeiterin der Kontakt- und Anlaufstellen.
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Abschätzende und abschätzige Blicke
«Der Strassenstrich am Sihlquai ist die unterste Stufe der Prostitution», erklärt Ursula, als wir vom Büro aus in Richtung Flora-Dora-Bus laufen. Es ist 21 Uhr, seit zwei Stunden ist das Anschaffen am Sihlquai offiziell erlaubt. Alle paar Meter stehen Frauen am Strassenrand. Nicht alle entsprechen dem Klischee von Prostituierten: Manche tragen High Heels und knappe Kleider, andere schaffen ganz unauffällig in Jeans und T-Shirt an. Ein älterer Mann schlendert vorbei. Autos verlangsamen ihre Fahrt. Ein Kombi hält vor einer jungen Frau, sie bückt sich zum Beifahrerfenster hinunter.
Ein Mann Mitte zwanzig fährt auf dem Fahrrad vorbei und mustert uns abschätzend. Es fühlt sich sehr unangenehm an. Ursula kennt das Gefühl: «Es passiert gelegentlich, dass die Freier auch uns Sozialarbeiterinnen für Sexarbeiterinnen halten», erzählt sie. «Ein klares Nein reicht aber in der Regel aus, damit die Männer davon ablassen.»
Der Strassenstrich ist eine harte Welt. Die Frauen liefern sich aus, wenn sie in die Autos der Freier steigen. Gewalt ist ein grosses Thema. «Die Männer wählen nach der Körpersprache der Frauen aus», erzählt Ursula. «Wie eine Frau hinsteht, ist deshalb entscheidend.» Ein selbstbewusstes Auftreten sei wichtig. Die Frauen müssen sich auf ihr Gefühl verlassen und auch mal Klienten ablehnen können. Sorgen macht es Ursula, wenn die Sexarbeiterinnen dastehen wie «Huscheli» und man ihnen ansieht, dass sie sich nicht wehren können. Ein wichtiges Ziel von Flora Dora ist es deshalb, die Frauen in ihrer Selbstachtung zu unterstützen und ihr Selbstvertrauen zu stärken.
Nicht alle Freier wollen Sex
Nicht alle Freier sind aber «grusige Sieche». Genauso wie die Sexarbeiterinnen sind sie sehr verschieden. Und sie wollen nicht immer das Gleiche. «Nicht alle möchten Sex», hat Ursula von den Sexarbeiterinnen erfahren. «Manche wollen auch einfach nur reden».
Die Sexworkerinnen haben nicht unbedingt ein schlechtes Bild von ihren Freiern. Sie sehen in ihnen Klienten, mit denen sie Geschäfte machen. «Nicht alle Frauen hier sind Opfer. Für manche ist Sexarbeit auch die einfachste und schnellste Art, wie sie Geld verdienen können.»
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Ist Prostitution also eine Arbeit wie jede andere auch? Diese Frage wird seit einigen Jahren rege diskutiert (vgl. Literaturtipps). Ursula sieht es pragmatisch. Es ist der Job ihrer Klientinnen, und sie versucht, die Frauen zu unterstützen und in ihrer Tätigkeit zu respektieren. «Es ist okay, wenn’s fair läuft», bringt sie ihre Position auf den Punkt. «Das gilt übrigens für beide Seiten. Auch Frauen zocken Freier ab. Das ist genauso nicht okay.»
Farbattacken und Voyeurismus
Eine Gruppe junger Männer läuft vorbei. Sie grölen, machen abfällige Sprüche über die Frauen – und gehen dann weiter. «Die Sexarbeiterinnen müssen schon viel aushalten», hat Ursula beobachtet. Mit der Prostitution werden auch die Frauen abgewertet, die sie betreiben. Dabei bleibt es nicht nur bei höhnischen Blicken und abschätzigen Bemerkungen. Manchmal werden die Frauen auch attackiert. So wie kürzlich, als eine Frau grundlos aus einem Auto heraus mit gelber Farbe bespritzt wurde.
Inzwischen sind wir beim weissen Bus von Flora Dora angekommen. Fünf Frauen stehen vor dem Eingang. Zwei davon sind Dominique und Esther, die heute Abend den Bus betreuen. «Das Fernsehen ist da», erzählt Dominique der Begrüssung. «Das hat für ziemliche Aufregung gesorgt.» Eine Sexarbeiterin mischt sich ins Gespräch. Sie habe die Reporter richtig abwimmeln müssen, berichtet sie: «’Du gsesch geil us, chum gib doch es Interview’, haben sie gesagt. Obwohl ich nein gesagt habe, haben sie weiter gefragt.» Sie wirkt aufgewühlt. Dominique spricht ihr gut zu und erklärt ihr, dass sie das Recht gehabt habe, abzulehnen.
«Das ist reiner Voyeurismus», kommentiert die Sozialarbeiterin später. Sie und die anderen Mitarbeiterinnen sind sich Besuche von Medien gewohnt. Flora Dora ist solchen Anfragen gegenüber zwar offen – aber nur unter klaren Bedingungen: Es dürfen keine Bilder und Tonaufnahmen gemacht werden und die Berichte müssen anonymisiert werden.
Fernsehteams werden deshalb auch nicht in den Bus gelassen. Das geschieht zum Schutz der Frauen und der Mitarbeiterinnen von Flora Dora. Im Bus ist man exponiert und das Sexgewerbe ist hart. Es besteht immer das Risiko, dass ein Zuhälter gewalttätig wird.
Kondome, Snacks und Freierwarnungen
Im Bus sitzt Esther auf einer Eckbank und verteilt Taschentücher an zwei Frauen. An den Wänden hängen Informationen auf Deutsch und Ungarisch: Freierwarnungen und Hinweise auf übertragbare Krankheiten. «Hoi Lisa*», begrüsst Esther eine kurzhaarige Frau, die sich gerade aus der Schublade mit Präservativen bedient. Nachdem sie gegangen ist, trägt Esther Lisas Vornamen in ein Heft ein.
Die Beratungsstelle führt eine Statistik über die Frauen, die im Bus vorbeischauen. 30 bis 60 Sexworkerinnen sind es pro Abend, jährlich nutzen etwa 400 bis 500 Frauen das Angebot. Sie holen Kondome und Taschentücher, knabbern Snacks, trinken einen Kaffee oder waschen sich die Hände. Manche Frauen setzen sich auch kurz auf eine der Bänke, rauchen eine Zigarette und plaudern mit den Sozialarbeiterinnen.
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Die Sexarbeiterinnen sind so verschieden wie die Geschichten dahinter. Sie stammen aus der Schweiz, Polen, Deutschland, Österreich, Ungarn und anderen Ländern. Manche haben früher in einem Club gearbeitet und sind nun auf dem Strassenstrich gelandet. Andere reisen für einige Monate in die Schweiz, um hier anzuschaffen. Die jüngsten Frauen sind knapp über 18 Jahre alt, die ältesten Mitte fünfzig.
Gestiegener Konkurrenzkampf
«Szia!», begrüsst Dominique Szasza auf Ungarisch, als diese den Bus betritt. Sie verwickelt die junge Frau in ein kurzes Gespräch. «Wie geht’s?» «Nicht gut.» «Warum?» «Keine Arbeit.» «Musst Du heute arbeiten?» «Ja.» «Ich verstehe, dass es schwierig für Dich ist, dass Du keine Arbeit hast.» Szasza nickt, greift ein paar Kondome aus der Schublade und verabschiedet sich. «Auf Wiedersehen.»
Seit der Einführung der Personenfreizügigkeit, besonders in den vergangenen zwei Jahren, schaffen immer mehr Frauen aus Ungarn am Sihlquai an - vor allem Roma aus Ostungarn. Nach Schätzungen von Flora Dora sind inzwischen 1/2 bis ein 1/3 der Sexarbeiterinnen auf dem Strassenstrich Ungarinnen.
«Es ist härter geworden, es hat mehr Frauen», fasst Ursula die Entwicklung zusammen. Der Konkurrenzkampf und der Preisdruck sind gestiegen – und auch das risikoreiche Anschaffen hat zugenommen. Neu ist, dass es nun Zuhälter auf dem Sihlquai gibt. Früher haben alle Frauen auf dem Zürcher Strassenstrich auf eigene Rechnung gearbeitet.
Viele Frauen aus Ungarn werden von Schleppern in die Schweiz gebracht – und arbeiten hier unter unwürdigsten Bedingungen. «Das sind teilweise Formen von moderner Sklaverei», erzählt Ursula. Sie betont aber, dass das Aufdecken von Menschenhandel nicht die primäre Aufgabe von Flora Dora ist. Die Anlaufstelle darf nicht zur Zielscheibe der Menschenhändler werden. Dazu ist der Bus zu exponiert.
Für die Mitarbeiterinnen von Flora Dora sind die Frauen aus Ungarn deshalb vor allem Sexarbeiterinnen wie alle anderen auch - wenn sie die mobile Anlaufstelle auch vor besondere Herausforderungen stellen. Da ist einerseits das Sprachproblem: Viele der Ungarinnen sprechen keine Fremdsprache. Flora Dora arbeitet deshalb seit einiger Zeit mit einer Dolmetscherin zusammen.
Oft ist auch das Bildungsniveau der Ungarinnen ist tief, viele sind Analphabetinnen. «Wir mussten den Frauen anfangs sogar das Schweizer Geld erklären – sie konnten teilweise eine Zehnernote nicht von einer Hunderternote unterscheiden», erzählt Ursula. Inzwischen hat sich das gebessert. Im Bereich Gesundheitsprävention ist es aber nach wie vor nötig, Basiskenntnisse zu vermitteln, wie Ursula festgestellt hat: «Einige Frauen wussten anfangs nicht mal, wie man ein Kondom benutzt.»
Ein vorübergehender Job
Die meisten ungarischen Frauen bleiben kurze Zeit am Sihlquai. Nach 3 Monaten ziehen sie weiter und schaffen anderswo in Europa an. Anders ist es bei den Schweizerinnen und Frauen mit B- und C-Ausweis: Zu ihnen können die Sozialarbeiterinnen längerfristige Beziehungen aufbauen und sie auch ausserhalb des Busses begleiten. Flora Dora bietet neben der aufsuchenden Sozialarbeit auch Beratung, Triage und die Unterstützung beim Gang zu Ämtern an.
«Für die meisten Frauen ist das ein vorübergehender Job», erzählt Ursula. Wenn die Frauen aussteigen möchten, werden sie von Flora Dora unterstützt. Der Wunsch muss aber von den Frauen selber kommen. «Wir können höchstens versuchen, den Punkt finden, an dem sie einen Impuls haben, etwas zu verändern», erläutert sie.
Die Beraterinnen begleiten die Frauen in manchen Fällen auch bei der Job- oder Wohnungssuche – und erleben dabei kleine Erfolgsgeschichten. «Es ist schön, wenn eine es schafft, und man sie dann plötzlich nicht mehr auf dem Sihlquai sieht», berichtet Ursula. Vielleicht ist Sonja bald eine von ihnen. Die junge Frau hat einen handwerklichen Aushilfsjob gefunden, den sie nächste Woche beginnt. Sie ist heute nur zum Plaudern vorbeigekommen. Beim Abschied schwenkt stolz ihren neuen Autoschlüssel, schnappt sich eine letzte Aprikose und läuft winkend davon.
Stefanie Arnold, 27.08.2009
* Die Namen aller Sexarbeiterinnen wurden von der Redaktion geändert.
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Frauenberatung Flora Dora
Die Frauenberatung Flora Dora ist eine mobile Anlaufstelle für Frauen auf dem Strassenstrich. Sechs Mitarbeiterinnen arbeiten zu 50 bis 70 Prozent bei der Stelle und teilen sich 450 Stellenprozente. Flora Dora ist Teil der Sozialen Einrichtungen und Betriebe des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Link: Flora Dora |
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Arche Zürich (ehemals Basta) - polyvalente Anlaufstelle, auch für transsexuelle Sexworkerinnen FIZ-Makasi - Beratung und Begleitung für Opfer von Frauenhandel Herrmann - Streetwork und Beratungsstelle für männliche Sexarbeiter Isla Victoria - niederschwellige Anlauf- und Beratungsstelle für Frauen, die im Sexgewerbe arbeiten Prima Donna - Winterthurer Projekt für Frauen im Sexgewerbe
PROCORE - Schweizerisches Netzwerk zur Verteidigung der Rechte von Personen, die in Berufen des Sexgewerbes arbeiten Weitere Informationen finden Sie in der Rubrik Adressen. |
