Messie-Coaching

Frau Karrer-Davaz, Sie und ihre 4 Mitarbeiterinnen coachen zurzeit etwa 25 Messies aus der ganzen Schweiz. Was sind das für Leute, die ihre Wohnung nicht mehr in Ordnung halten können?
Das sind sehr spannende Menschen mit vielfältigen Interessen. Die meisten sind sehr gebildet und verfügen über ein Universitäts-Studium oder haben mehrere Lehren und Weiterbildungen abgeschlossen. Sie sind häufig alleinstehend, einige haben psychische Probleme. Etwa die Hälfte ist berufstätig.
Bei unserer Firma melden sich zudem mehr Frauen als Männer – das ist aber nicht repräsentativ. In der Messie-Selbsthilfegruppe LessMess gibt es gleich viele Frauen wie Männer.
Woran könnte es liegen, dass sich Frauen häufiger bei ihnen melden?
Vielleicht ist der Druck bei den Frauen grösser. Von ihnen wird erwartet, dass sie das „Haushalten“ mit der Muttermilch aufsaugen. Die Frauen schämen sich wahnsinnig, sie benötigen extrem viel Mut, mich in ihre Räumlichkeiten reinzulassen.
Scham ist ein grosses Thema für die Messies. Wie bringen Sie die Leute dazu, dass sie mit Ihnen zusammenarbeiten?
Wichtig ist es, dass sie sich die Betroffenen selber bei uns melden. Wenn jemand anruft, schaue ich, dass ich sofort einen Termin abmachen kann. Es braucht die Betroffenen viel Überwindung, sich bei uns zu melden – deshalb darf man nicht zu lange warten.
Wie läuft ein Messie-Coaching ab?
Es gibt einen ersten Kennenlerntermin, bei dem sich die Leute aber noch nicht sofort für ein Coaching entscheiden. Sie sollen nochmals darüber schlafen und sich überlegen, ob sie das wirklich wollen. Bei nächsten Treffen machen wir eine saubere Abklärung und legen gemeinsam ein Ziel fest. Dann machen wir etwas in der Wohnung, zum Beispiel die Küche aufräumen oder Papier sortieren. Wichtig ist, dass die Leute nur das machen, wozu sie bereit sind. Anschliessend machen wir einen neuen Termin ab und vereinbaren eine Aufgabe fürs nächste Mal.
Wie lange dauert ein Coaching?
Das ist sehr unterschiedlich. Bei einer Kundin war ich nur 4 Mal – anschliessend fand sie sich selber wieder zurecht. Eine andere Frau besuchte ich rund ein Jahr wöchentlich während 3 Stunden. In der Regel beginnen wir mit wöchentlichen Treffen und treffen uns später in längeren Abständen, gegen Schluss monatlich. Manchmal benötigen die Leute zwischendurch eine Pause – das Wegräumen von Sachen ist für sie wie eine Wunde, die zuerst heilen muss, bevor sie ins nächste Zimmer gehen können.
Für Ihre Arbeit scheint viel psychologisches Fingerspitzengefühl nötig zu sein.
Ja, wir sind mit unserer Arbeit nahe am Persönlichen dran. Wichtig ist aber: Wir sind Haushalt-Coaches und keine Psychologinnen. Die Geschichte ist nicht relevant, auch wenn wir oft sehr viel von den Menschen mitbekommen. Es geht darum, die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten. Uns geht es nicht darum, ihnen unsere Vorstellung von Ordnung aufzuzwingen. Sondern einen Zustand zu erreichen, bei dem ihnen wohl ist.
Sie arbeiten in einzelnen Fällen auch mit Sozialdiensten zusammen. Wie können Sozialarbeitende vorgehen, wenn sie vermuten dass ein Klienten oder eine Klientin ein Messie ist?
Oft hilft es bereits, wenn man die Klienten auf eine Selbsthilfegruppe wie LessMess hinweist. Für ganz viele Messies ist es schon eine Entlastung, wenn sie merken, dass sie nicht die Einzigen sind.
Interview: Stefanie Arnold
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Messie-Syndrom Der Begriff Messie ist vom englischen Begriff «mess» (Unordnung) abgeleitet. Er wurde von der selbst betroffenen Autorin Sandra Felton in den 80er-Jahren kreiert. Messies leiden unter der Unfähigkeit, ihren Haushalt so zu organisieren, dass sie sich darin wohl fühlen. Sie sammeln und horten oft Zeitungen und Informationsmaterial, aber auch Hausartartikel und weitere Gegenstände. In der Praxis werden verschiedene Typen von Messies unterschieden. Zur Zahl der Messies wird in der Selbsthilfeliteratur auf 2 bis 12 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Tages-Anzeiger Artikel vom 3. April 2007 Desorganisationsproblematik Messie ist kein wissenschaftlicher Begriff. In der Fachliteratur wird das Syndrom in der Regel als Desorganisationsproblematik bezeichnet. Sie ist eine psychische Störung, die häufig mit ADHS verbunden ist.
Erledigungsblockierung Erledigungsblockierung ist die manchmal krankheitsbedingte Schwäche, Unerledigtes so lange auf die lange Bank zu schieben, bis es chaotische Masse annimmt. Der Begriff wurde von der Berner Ergotherapeutin Ruth Joss geprägt und umfasst eine ganze Bandbreite von Phänomenen, die von milderen Formen wie Aufschieberei (Prokrastination) bis zum Messie-Syndrom reichen. Bund-Artikel vom 23. März 2009
Vermüllungssyndrom (Diogenes-Syndrom) Das Messie-Syndrom wird oft mit der Vorstellung von Müll und Schmutz verbunden – das ist aber nur sehr selten der Fall. Die meisten Messies haben saubere, aber überfüllte Wohnungen. Ganz anders ist dies bei Menschen, die am Vermüllungs-Syndrom leiden. Die Störung, die auch Diogenes-Syndrom genannt wird, tritt vor allem bei verwahrlosten, meist älteren Menschen auf. Ursachen dafür können Demenz, Vereinsamung, Psychosen oder Neurosen sein. Link: Psychiatrischer Fachartikel (PDF) auf medicalforum.ch |
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Artikel zum Thema:
Wenn Menschen Abfallberge zu sehr lieben
Tages-Anzeiger vom 3. April 2008
Erdrückt vom eigenen Durcheinander
Der Bund vom 23.3.3009
Bücher zum Thema:
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Gisela Steins (2003). |
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Rainer Rehberger (2007). Messies - Sucht und Zwang |
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Annina Wettstein (2008). |
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Alfred Pritz et al (2008). Das Messie-Syndrom |
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Sibylle Räber, Claudia Rüsch (2003). Phänomen „Vermüllung“. Soziale Arbeit mit Messies. |
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Links:
Selbsthilfegruppe Haushalts-Coaching-Firma www.verwahrlosung-und-messie.ch ATAX – Dienstleistungsfirma für Messies Praxis für Betroffene von Erledigungsblockierung |
