«Man darf nicht unterschätzen, was für eine positive Rolle Religion für muslimische Migrantinnen und Migranten spielen kann», erklärt Ilona Möwe, Dozentin für Migration, Integration und interkulturelle Koexistenz am Departement für Soziale Arbeit der ZHAW. «Bei Flüchtlingen ist es manchmal z.B. das Einzige, was ihnen noch bleibt.» Moscheen könnten zum Beispiel unterstützend wirken, indem sie als Anlaufstelle für einsame Menschen fungieren. Ausserdem erhalten Migrantinnen und Migranten dort auch Infos, Adressen und andere Arten von Hilfe, beispielsweise Nachhilfeunterricht für Kinder, Sprachunterricht, Übersetzungen und Freizeitaktivitäten wie Ausflüge und Sportturniere. Und darin unterscheiden sie sich dann auch nicht von anderen (auch nicht-religiösen) Migrantennetzwerken.
Nicht alles gläubige Muslime
Wichtig ist für Ilona Möwe aber ein differenzierter Blick. «Nicht alle Menschen, die aus „muslimischen“ Ländern kommen, sind automatisch gläubige Muslime.» Drei Viertel der 311'000 Muslime in der Schweiz stammen aus säkularisierten Staaten: 56 Prozent aus dem ehemaligen Jugoslawien, 20 Prozent aus der Türkei. In Ländern wie Bosnien-Herzegowina hat Religion lange Zeit keine grosse Rolle gespielt, viele Bosnierinnen und Bosnier bezeichnen sich deshalb als nicht religiös. Ähnlich ist es bei Flüchtlingen aus der Türkei: Viele von ihnen sind politisch links und sogar dezidiert areligiös. «Es ist deshalb wichtig, zu schauen, ob jemand überhaupt religiös ist», betont Ilona Möwe.
Grenzen von Netzwerken
Nicht alle gläubigen Muslime besuchen zudem die gleichen Moscheen. Allein im Kanton Zürich gibt es 44 unterschiedliche islamische Zentren und Vereine, beispielsweise bosnische, kurdisch-alevitische oder türkische Organisationen. «Die Netzwerke sind grundsätzlich eher ethnisch ausgerichtet. Das hat vor allem auch sprachliche Gründe», erklärt Rifa’at Lenzin. Die freischaffende Islamwissenschafterin ist im Zürcher Lehrhaus für den Islam zuständig. Auch sie ist überzeugt, dass Migrantenvereine helfen können, sich in der Schweiz zurecht zu finden. Diese Solidaritätsnetzwerke hätten aber auch ihre Grenzen: «Viele Migrantinnen und Migranten haben von ihrer Herkunft her eine grosse Scheu, mit familiären Problemen nach Aussen zu gehen. Das schränkt den Radius solcher Netzwerke ein». Sozialarbeitende, die z.B. Imame kontaktieren wollen, um ihre Klienten zu unterstützen, sollten deshalb zuerst abklären, ob diese das überhaupt wollen. Denn nur ein kleiner Teil nutzt das Angebot islamischer Zentren regelmässig: «Die Moscheen decken vielleicht 10 bis 15 Prozent der Bevölkerungsgruppe ab», schätzt Lenzin.
Wohnheim mit Religions- und Förderunterricht
Wie soziale Aktivitäten in einem muslimischen Netzwerk aussehen können erklärt Oğuz Sagra. Der ausgebildete Sozialarbeiter ist gläubiger Muslim und im Verband der islamischen Kulturzentren VIKZ aktiv, dem vor allem sunnitische Gläubige aus der Türkei angehören. Sein Verein führt ein Schülerwohnheim am Goldbrunnenplatz in Zürich, in dem 26 Schüler und Studenten während ihrer Ausbildung wohnen. Das Angebot wird vorwiegend von Jugendlichen aus religiösen Familien genutzt. «Die jungen Männer werden hier von Freiwilligen betreut und erhalten religiöse Unterweisung und Förderunterricht», erläutert Oğuz Sagra das Angebot. Das Wohnheim soll Jugendlichen eine bessere Schul- und Berufsbildung ermöglichen, ihnen gleichzeitig aber auch religiöse Werte vermitteln. «Es ist uns wichtig, dass die jungen Menschen wissen: Was ist Islam und was nicht?» Oğuz Sagra möchte damit religiösem Halbwissen entgegenwirken: «Wenn jemand zum Beispiel denkt, Frauen seien weniger wert, dann zeigen wir auf, das das nichts mit dem Islam zu tun hat.» Klar ist aber auch: Der Verein vertritt eine konservative Werthaltung, und möchte diese auch vermitteln. «Damit eckt man an», ist sich Oğuz Sagra bewusst. Doch er ist überzeugt, dass sein Verein wichtige Integrationsarbeit leistet, indem er den jungen Menschen eine bessere berufliche Zukunft ermöglicht. Und er betont: «Unsere Grundwerte kollidieren nicht mit denen der westlichen Gesellschaft, auch bei uns geht es um Respekt und Achtung vor den Mitmenschen.»
Stefanie Arnold
