Ein Klient, sieben Institutionen
SUVA-Klinik, Hausarzt, RAV-Beratung, Berufsinformationszenrum, IV-Stelle, Regionaler Ärztlicher Dienst und Sozialdienst: Die Liste der Institutionen, die Antonio A. (Name geändert) aufgesucht hat, ist lange.
Der 34-jährige Schreiner leidet nach einem Arbeitsunfall unter dauernden Schmerzen. Sein Gang durch die Ämter ist aufreibend. Auf die Frage, ob er wieder arbeiten kann, erhält er widersprüchliche Antworten: Für seinen Hausarzt und für’s RAV ist er zu 50 Prozent vermittelbar, die Ärztinnen und Ärzte der SUVA-Klinik halten ihn für voll arbeitsfähig – jedoch nur für leichte Tätigkeiten. Für die IV wiederum hat er keinen relevanten Gesundheitsschaden.
Schliesslich erhält der junge Schreiner vom RAV einen versicherten Verdienst von 1350 Franken zugesprochen und bezieht für sich und seine Familie ergänzend Sozialhilfe. Er versucht mit Hilfe eines Anwaltes gegen den IV-Entscheid zu rekurrieren.
Der iiz-Prozess
„Das ist ein klassischer iiz-Fall“, erzählt Franziska Eggenberger, die die interinstitutionelle Zusammenarbeit (iiz) in der Stadt Winterthur koordiniert: „Verschiedene Institutionen haben die Situation zwar jeweils für sich abgeklärt, aber alle kennen nur einen spezifischen Ausschnitt. Niemand hat einen Gesamtüberblick.“
Hier setzt nun der iiz-Prozess ein, wie er im Kanton Zürich vorgesehen ist:

Das Dossier von Antonio A. landet auf dem Schreibtisch von Franziska Eggenberger, nachdem seine RAV-Beraterin ihn für das Projekt IIZ-MAMAC (vgl. Kasten) angemeldet hat. Franziska Eggenberger bespricht die Situation von Antonio A. anschliessend mit dem iiz-Team im Rahmen eines Expertinnenassessments.
Das Expertenassessment
Das iiz-Team besteht aus Eggenberger und je einer Mitarbeitenden bzw. einer Mitarbeitenden aus IV, RAV, Sozialhilfe und biz, den sogenannten Assessoren. Sie tragen im Assessment die Informationen aus ihren Institutionen zusammen. Anschliessend werden die Informationen nach der Methode der Dynamischen Urteilsbildung von Lex Bos ausgewertet.
„Ich bin jeweils nach den Assessment-Sitzungen ganz überwältigt, wie viel Know-How hier versammelt ist“, erklärt Franziska Eggenberger lachend. Man merkt ihr an, dass ihr die Arbeit Freude macht. Die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitenden verschiedener Institutionen ist aber auch mit viel Aufbauarbeit verbunden.
Die verwendeten Begriffe und Prozesse sind teilweise sehr unterschiedlich. „Wir mussten zuerst eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Vorgehen finden, damit wir uns überhaupt austauschen können“, blickt die iiz-Koordinatorin zurück. „Ein wichtiger Effekt dieses Austausches ist, dass wir die jeweiligen Abläufe der andern Institutionen kennenlernen.“ Nur schon diese Kenntnis allein könne vieles in Gang bringen.

Auch im Fall von Antonio A. brachten die Datensammlung und das Assessment einiges ins Rollen. Die IV-Assessorin ging mit den neu gewonnenen Informationen zum Regionalen ärztlichen Dienst, der daraufhin seine erste Einschätzung revidierte. Antonio A. bekam das Anrecht auf eine berufliche Massnahme zugesprochen.
Die Planungssitzung und der Integrationsplan
Der nächste Schritt im iiz-Prozess ist die Planungssitzung. An dieser nehmen auch die Klienten und die jeweiligen Fallverantwortlichen teil, beispielsweise die zuständigen Sozialarbeitenden oder RAV-Berater. An der Planungssitzung werden mögliche weitere Massnahmen diskutiert und im Integrationsplan festgelegt.
„Diese Sitzungen sind für die Kundinnen und Kunden jeweils recht anspruchsvoll. Sie sitzen ja alleine 6 Fachpersonen gegenüber“, erzählt Franziska Eggenberger. Die Betroffenen meisterten diese Situation aber jeweils sehr gut. Trotz dieser anspruchsvollen Konstellation sind sie mehrheitlich zufrieden. „Die Tatsache, dass sich mehrere Fachleute mit ihnen auseinandersetzen, öffnet den Kundinnen und Kunden oft den Horizont“, berichtet Franziska Eggenberger. Manche Kundinnen und Kunden hätten den Eindruck, dass ihnen zum ersten Mal jemand richtig zuhöre. „Das ist sehr motivierend“, erzählt die iiz-Koordinatorin.
Die Umsetzung
Die Massnahmen, die im Integrationsplan beschlossen wurden, werden anschliessend in den verschiedenen Institutionen umgesetzt, wobei die fallführende Person das Case Management inne hat. Franziska Eggenberger als Koordinatorin evaluiert diesen Prozess und lässt sich regelmässig über die Situation der Klientinnen und Klienten informieren. Und sie freut sich über Erfolgsgeschichte wie die von Antonio A.: Dank der beruflichen Massnahme der IV kann er berufsbegleitend Kurse des Schreinerverbandes besuchen. Er arbeitet jetzt seit einem Jahr im Büro einer Schreinerei.
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iiz Winterthur in Zahlen Seit dem Start des Winterthurer Projekts im März 2007 haben die Assessoren und Assessorinnen 59 Kundinnen und Kunden für die Aufnahme besprochen. 36 davon wurden ins Projekt aufgenommen, bei 11 wurde um weitere Abklärungen gebeten. 12 Fälle wurden nicht ins Projekt IIZ-MAMAC aufgenommen, z.B. weil eine Eingliederung als nicht realistisch eingeschätzt wurde oder weil bereits ein Case Management vorhanden war. Die meisten Anmeldungen kamen vom RAV (32 Fälle), 18 Fälle kamen aus der Sozialberatung, 7 Fälle wurden vom biz überwiesen und 1 Fall von der IV. |
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Das nationale Projekt IIZ-MAMAC Das nationale Projekt IIZ-MAMAC wird vom SECO, vom BSV, von der SODK und von der SKOS durchgeführt. Das Kürzel steht für Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) und medizinisch-arbeitsmarktliche Assessments im Rahmen des Case-Managements (MAMAC). Das Projekt ist für Personen gedacht, die von mehreren sozialen und gesundheitlichen Problemen betroffen sind und deshalb auf die Leistungen verschiedener Institutionen angewiesen sind. Es hat zum Ziel, diese Personen in einem institutionenübergreifenden Prozess möglichst rasch wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. An der laufenden Pilotphase von IIZ-MAMAC von 2006 bis 2010 nehmen 15 Kantone teil. Laut Céline Champion vom BSV ist das Projekt gut angelaufen, die Umsetzung geht aber langsamer vor sich als erwartet: „Das ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass es nicht ganz einfach ist, in einem Kanton interinstitutionelle Prozesse in Gang zu setzen.“ (ZeSo 3/2008) Link: www.iiz.chLink: IIZ-MAMAC Seite des BSVLink: Artikel von Céline Champion in ZeSo 3/2008iiz netzwerk kanton zürich Im Kanton Zürich wird das nationale Projekt IIZ-MAMAC durch das iiz netzwerk kanton zürich durchgeführt. Die virtuelle Organisation wird von vier kantonalen Institutionen getragen: Dem Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), dem kantonalen Sozialamt (KS), dem Amt für Jugend und Berufsberatung (AJB) und der Sozialversicherungsanstalt Zürich (SVA). Eine Besonderheit des Zürcher Modells ist, dass neben IV, RAV und Sozialhilfe auch die Berufsinformationszentren BIZ beteiligt sind. Zurzeit wird IIZ-MAMAC an fünf Standorten im Kanton Zürich umgesetzt: In Affoltern am Albis, Uster, Horgen, Winterthur und Zürich-Selnau. Link: www.iiz-zh.ch |
