Informelle Bildung:

«Die Talente der Jugendlichen ans Licht bringen»

 

Welche Rolle spielt informelle Bildung in der Sozialen Arbeit? Und worum geht es bei der individuellen Talentförderung? Ein Gespräch mit Hanspeter Hongler, Dozent am Departement Soziale Arbeit der ZHAW und Mitorganisator der Tagung «Talent ist lernbar – informelle Bildung in der Sozialen Arbeit».

 


Interview: Stefanie Arnold



 

Herr Hongler, Sie schreiben in der Tagungs-Ausschreibung, dass informelles Lernen in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Was sind die Gründe dafür?

Das Wissen verändert sich heute unglaublich schnell. Es gibt keinen eindeutigen, klaren Bildungskanon mehr. Soft Skills werden immer wichtiger. Schon früher gab es neben der Schule andere Lernfelder, in denen Jugendliche in der Freizeit wichtiges Wissen und Kompetenzen erworben haben. Deren Bedeutung hat nun aber zugenommen. Das zeigt sich zum Beispiel bei den neuen Medien. Heute ist man damit konfrontiert, dass Jugendliche hier oft mehr wissen als Erwachsene. Sie lernen schnell neue Programme und Anwendungen und tauschen sich darüber in ihrer Peer Group aus. Sie sind damit «userkompetent» - was allerdings noch lange nicht bedeutet, dass sie den Medien auch gewachsen sind



Hanspeter Hongler: «Die informelle Bildung ist seit je her ein Kerngeschäft der Sozialen Arbeit.»
(Bild: ZVG)



Welche Rolle spielt Soziale Arbeit bei der informellen Bildung?

Die Soziale Arbeit hat den Vorteil, dass sie schneller auf neue Entwicklungen reagieren kann als die Schulen. Die informelle Bildung ist seit je her ein Kerngeschäft sowohl der Sozialarbeit als auch der Sozialpädagogik und der Soziokulturellen Animation. Gerade die offene Jugendarbeit arbeitet schon seit Längerem mit Ansätzen der informellen Bildung. Nur hat man das früher nicht so genannt. Seit den 00er Jahren ist die informelle Bildung auch in der Frühförderung von Kleinkindern wichtig geworden. In Zukunft wird diese Form der Bildung wohl auch in der Altersarbeit eine grössere Rolle spielen.


  

Was muss man sich unter einem Ansatz der informellen Bildung konkret vorstellen?

In Holland gibt es beispielsweise das Konzept der «Talententwicklung» für Risikojugendliche. Darin geht es um individualisiertes Lernen. Ziel ist es, die Talente der Jugendlichen ans Licht zu bringen, z.B. im Bereich Musik, Informatik, Gestaltung, Sport oder Tanz. Anstelle des Slogans «Hang out for Drop outs» steht die bewusste Talentförderung dieser Jugendlichen und zwar in ihren Interessenfeldern. Natürlich ist nichts zu tun und zu «chillen» ein normales Bedürfnis von Jugendlichen. Es macht daher sich auch Sinn, dass die Jugendarbeit den Jugendlichen einen Raum bietet, in dem sie einfach mal sein können. Aber wenn die Jugendlichen nur herumhängen, ist das offensichtlich kontraproduktiv. Im Ansatz Talentförderung geht es nun darum, diese Jugendliche aus dem Busch zu holen und mit ihnen herauszufinden, was sie eben doch können.


  

Lassen sich Jugendliche mit dieser Methode tatsächlich motivieren?

Die Studien weisen in diese Richtung. Sie zeigen, dass sich auch Jugendliche mit einem «Verlierer»-Image engagieren, wenn ihre Talente entdeckt und gefördert werden. Es gibt aber immer auch schwierige Phasen, in denen sie wieder abhängen - weil sie oft nicht an die eigenen Fähigkeiten glauben, weil nicht sein darf, was nicht sein soll… Genau hier muss man dranbleiben und die Jugendlichen immer wieder motivieren und zu ihnen stehen. Maike Koijmans hat das Ziel der Talententwicklung im Titel ihres Buches schön auf den Punkt gebracht: «Battle zonder knokken» Kämpfen ohne zu schlagen.

 

 

Die Talentförderung und die offene Jugendarbeit richten sich damit weiterhin an ein bestimmtes Segment von Jugendlichen.

Tatsächlich richten sich solche Angebote vor allem an benachteiligte, oft männliche Jugendliche. Die offene Jugendarbeit versucht aber auch, andere Gruppen anzusprechen. So ist es zum Beispiel in den vergangenen Jahren gelungen, die Mädchen stärker einzubeziehen. Doch viele weitere Fragen bleiben. Z.B.: : Wie können wir vermehrt auch integrierte und initiative Jugendliche gewinnen und einbinden, wie sieht der Transfer der Talententwicklung ins (spätere) Berufsleben aus? . Solche und viele andere Fragen wollen wir an der Tagung diskutieren. Es geht ja auch nicht «nur» um Jugendliche, sondern ganz zentral auch um den Frühbereich, wo sich ähnliche, aber auch noch ganz andere Fragen im Zusammenhang mit informellem lernen stellen.



Welche weiteren Ziele verfolgt die Tagung?

Wir wollen mit der Tagung erreichen, dass informelle Bildung in der Sozialen Arbeit stärker wahrgenommen wird. Informelle Bildung wird heute noch unterschätzt, weil sie sich nicht in Form von Abschlüssen und Diplomen ausweisen lässt. Die Diskussion geht heute aber in Richtung eines viel differenzierteren Bildungs- und Kompetenzbegriffs, der für die Soziale Arbeit von enormer Bedeutung ist und grosse Chancen beinhaltet.

 

 

Ein wesentlicher Teil der Tagung sind theorie- und empiriegestützte Modell- und Konzeptentwicklungen. Was können solche Ansätze konkret zur informellen Bildung beitragen?

Es geht uns um theoretische Annäherungen und Reflexionsräume, nicht um «reine Theorie». Ausgangspunkt ist die Praxis. Theorie- und empiriegestützte Modelle helfen aber, die eigene Arbeit zu reflektieren. Zentral ist beispielsweise die Frage nach dem Ziel des Lernens. Früher bestand ein Teil der schulischen Bildung darin, Kinder und Jugendlichen dazu zu erziehen, dass sie pünktlich waren und sich an Regeln halten konnten. Heute geht es stärker darum, die Selbstbestimmung und Selbstverantwortung der Jugendlichen zu fördern. Dabei droht aber andererseits auch wieder das Gemeinsame und Gemeinschaftliche rauszufallen. Womit wir schon bei einem nächsten wichtigen Punkt wären…


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Talent ist lernbar – informelle Bildung in der Sozialen Arbeit

«Tagung Talent ist lernbar»

Tagung für Bildung und Soziales des Departements für Soziale Arbeit der ZHAW, Zürich, 9./10. September 2010.



Mehr Informationen zur Tagung



Informelle, nicht-formelle und formale Bildung


In internationalen Bildungsdiskussionen wird in der Regel zwischen informeller, nicht-formeller und formaler Bildung unterschieden. Die Kategorisierung richtet sich nach dem Grad der Institutionalisierung, die Grenzen zwischen den drei Formen der Bildung sind aber fliessend und lassen sich nicht trennscharf ziehen.


Schulen und andere Bildungsinstitutionen gelten als typische Orte «formaler Bildung» (auch «formelle Bildung» genannt). Hier finden geregelte Lernprozesse nach umfänglichen Vorgaben statt. Ziel ist in der Regel ein formaler Bildungsabschluss. 


Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe gelten als typische Orte «nicht-formeller Bildung». Auch hier können geplante und gewollte Bildungsprozesse stattfinden, und diese finden an dafür vorgesehenen Orten statt. Die Angebote zeichnen sich durch ein hohes Mass an Freiwilligkeit bezüglich ihrer Inanspruchnahme aus.


Mit den Begriffen «informelle Bildung» und «informelles Lernen» werden in der Regel ungeplante und nichtintendierte Bildungsprozesse im Alltag, in der Familie oder in der Peergroup beschrieben. Diese Prozesse sind nicht institutionalisiert und finden an keinem speziell dafür vorgesehenen Ort statt.


Manche Fachleute nehmen zudem eine konzeptuelle Unterscheidung zwischen «informeller Bildung» und «informellem Lernen» vor: Der Begriff «Lernen» fokussiert dabei mehr auf den Lernprozess, während beim Begriff «Bildung» auch Kontextuelles mitgedacht wird.


Die Bedeutung ausserschulischer Bildungsprozesse wird seit den frühen 70er Jahren diskutiert, wenn auch nicht immer unter dem Begriff «informelle Bildung». Einflussreich war insbesondere der Bericht «Learning to be. The world of education today and tomorrow» der Unesco (auch bekannt als Faure-Bericht). Die Autoren des Berichts schätzten, dass etwa 70 Prozent der Lernprozesse Erwachsener ausserhalb der Bildungsinstitutionen stattfinden.


Weitere Fachbegriffe finden Sie im Glossar.

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