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Frau Kobi, Sie haben 34 Hochschulen nach Ihren Angeboten für Studierende mit Behinderung befragt. Welche Ergebnisse haben Sie persönlich am meisten überrascht?
Mich hat überrascht, dass sich doch die meisten Hochschulen schon in irgendeiner Weise mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Das hätte ich nicht erwartet. Doch grundsätzlich steckt die Hindernisfreie Hochschule noch «in den Kinderschuhen». Es gibt noch sehr viel Unsicherheit. Wie geht man mit dem Thema um? Welche Anpassungen sind nötig? Erstaunt hat mich auch das grosse Interesse der Befragten an den Ergebnissen der Studie und an Leitfäden und Checklisten. Hier scheint ein grosser Bedarf zu bestehen.
Die Bereitschaft der Hochschulen, sich zu engagieren, ist also durchaus da.
Ja, und es wird auch schon einiges getan. Es gibt schon die «Kinderschuhe», einiges an Wissen und Konzepten ist schon vorhanden. Und an der Universität Zürich z.B. existiert eine Beratungsstelle, die sich auch ausschliesslich mit diesen Fragen befasst. Wir haben aber gemerkt, dass zwischen den Hochschulen – vor allem auch zwischen der deutschsprachigen und französischsprachigen Schweiz – im Bereich Hindernisfreiheit sehr wenig Zusammenarbeit besteht. Dieser Austausch wäre wichtig - man muss ja nicht immer «das Rad neu erfinden».
Welche konkreten Massnahmen braucht es, um die Hochschulen hindernisfreier zu machen?
Der grösste Handlungsbedarf besteht bei den Ansprechpersonen für Studieninteressierte und Studierende mit Behinderung. 15 der 34 untersuchten Organisationen haben keine entsprechenden Ansprechpersonen definiert. Wichtig ist auch, dass diese Ansprechpersonen klar gegen aussen kommuniziert werden. In manchen Hochschulen müssen die Studieninteressierten und Studierenden zuerst umständlich herausfinden, wer zuständig sein könnte.
Weshalb sind Ansprechpersonen so wichtig?
Für die Studierenden ist es sehr mühsam, wenn sie sich immer wieder an neue Leute wenden müssen: Mal an einen Dozierenden der, wenn sie Glück haben, weiter weiss. Mal an jemanden vom Facility Management… Auch für Dozierende und das administrative Personal der Hochschulen ist es von Vorteil, wenn sie klar wissen, an wen sie sich bei solchen Fragen wenden können.
Wichtig ist auch, dass die Ansprechstelle eine Triage-Funktion wahrnehmen kann. Die Person muss nicht alle Fragen beantworten können, aber sollte weiterverweisen. Dazu braucht es nicht unbedingt eine auf Behinderung spezialisierte Stelle. Die Aufgabe kann auch jemand vom Diversity Management oder von der Prüfungsadministration übernehmen.
Sie haben die Prüfungen angesprochen. Dort sind die Nachteilsausgleiche ein wichtiges Thema. Ist es für die Studierenden an den Schweizer Hochschulen einfach, solche speziellen Hilfestellungen für Studierende mit Behinderung zu erhalten?
Nachteilsausgleiche werden an den meisten Hochschulen gewährt. Für die Studierenden ist aber mühsam, dass sie diese oft bei jeder Prüfung neu beantragen müssen. Dadurch müssen sie ihre Situation immer wieder neu schildern und rechtfertigen. Es wäre eine Vereinfachung, wenn gleichbleibende Nachteilsausgleiche, wie z.B. eine Viertelstunde zusätzliche Prüfungszeit, nur einmal beantragt werden müssten und dann bis zum Ende des Studiums gültig wären.
Wie steht es mit Barrieren im baulichen Bereich?
Auch hier besteht noch Entwicklungsbedarf. Noch nicht alle Hochschulen sind gleich zugänglich. Ganz zentral ist aber auch die Kommunikation der baulichen Zugänglichkeit: Wo hat es Lifte? Welche Hörsäle sind womit ausgerüstet? Gibt es Induktionsschleifen? Wo sind die Haupteingänge und die rollstuhlgängigen WCs?
Sinnvoll wäre auch eine stärkere Sensibilisierung bezüglich des Behindertenbegriffs. Es fehlt noch am Bewusstsein dafür, dass Behinderung ganz viele Aspekte umfasst. Unsere Interviewpartnerinnen und -partner dachten bei Behinderung vielfach in erster Linie an Rollstühle und nicht an andere Formen von Behinderung.
Nicht jede Behinderung ist gleich sichtbar. Einen Rollstuhl sieht man gleich, Legasthenie dagegen nicht.
Da gibt es tatsächlich Unterschiede. Alles was sichtbar ist, leuchtet den Leuten sofort ein. Wenn eine Studierende im Rollstuhl ist, muss sie nicht noch umständlich begründen, wieso sie einen Nachteilsausgleich braucht.
Die Studierenden mit nicht sichtbaren Behinderungsformen müssen dagegen mehr begründen, weshalb sie Hilfestellungen brauchen. Und für die Mitarbeitenden der Hochschulen ist es schwieriger, die Betroffenen zu erkennen: Sie können die Betroffenen nicht direkt auf Unterstützungsbedarf anzusprechen, sondern sind darauf angewiesen, dass die Studierenden selber auf sie zukommen.
Gerade bei den Studierenden mit «unsichtbaren Behinderungen» ist aber auch zu beobachten, dass sie ihre Behinderung manchmal bewusst nicht kommunizieren.
Auf der Seite der Studierenden ist es tatsächlich nicht in jedem Fall gewünscht, dass die Behinderung bekannt wird. Solange man sich irgendwie zurechtfinden kann, ist das kein Problem. Aber wenn ein Unterstützungsbedarf von den Studierenden nicht kommuniziert wird, können Hochschulen auch keine Unterstützung bieten. Auch wenn eine solche nötig wäre. Die Hochschulen erfahren dann zu spät von der Behinderung – wenn zum Beispiel eine Prüfung schon nicht bestanden wurde.
Sie sind selber Dozentin an einer Fachhochschule. Hat die Arbeit an der Studie Ihr Bewusstsein für behinderte Studierende geschärft?
Die Erkenntnisse aus dem Forschungsprojekt haben mich als Dozierende im Umgang mit Studierenden mit Behinderung sicherer gemacht. Ich habe den Eindruck, dass ich weniger hilflos bin, wenn solche Anliegen an mich herangetragen werden.
Meine Haltung als Dozierende ist aber immer noch eher reaktiv als proaktiv. Ich reagiere, wenn ein Anliegen an mich herangetragen wird. Bevor der Fall eintrifft, unternehme ich bisher jedoch nichts. Mein Verhalten ist damit typisch für Mitarbeitende von Hochschulen, wie unsere Studie zeigt. Da sehe ich persönlich für mich noch Veränderungspotential.
arno, 13.12.2010
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Bestandesaufnahme hindernisfreie Hochschule
Das Departement Soziale Arbeit der ZHAW und die School of Management and Law der ZHAW führten zwischen März und August 2010 eine schweizweite «Bestandesaufnahme hindernisfreie Hochschule» durch. Die Studie wurde von AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz in Auftrag gegeben, vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung finanziert und von Dr. phil. Sylvie Kobi (ZHAW Soziale Arbeit) und Prof. Dr. iur. Kurt Pärli (ZHAW School of Management and Law) durchgeführt. Die Forschenden befragten 41 Vertreterinnen und Vertreter von 34 Hochschulen in der Deutsch- und Westschweiz, was 83 Prozent aller Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen entspricht. Dieses Forschungsprojekt wird die Basis sein für AGILE, eine Publikation mit konkreten Empfehlungen und best practices erarbeiten. (arno) Ein Schlussbericht mit den Hauptergebnissen der Studie kann ab dem 4. Januar 2011 auf den Websiten von AGILE Behinderten-Selbsthilfe Schweiz und der ZHAW Soziale Arbeit heruntergeladen werden. |
ZHAW
Studieninteressierte und Studierende mit Behinderung an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften können sich an folgende Anprechperson wenden:
Stabstelle Diversity/Gender ZHAW:
Dr. des. Julika Funk
Leiterin Stabsstelle Diversity/Gender ZHAW
Tel.: +41 (0)58 934 75 66
julika.funk(at)zhaw.ch
oder diversity(at)zhaw.ch
Websites und Dokumente sind barrierefrei zugänglich, wenn von sie allen Menschen benutzt werden können, zum Beispiel auch von Blinden, Sehbehinderten, Menschen mit Bewegungseinschränkungen oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Inzwischen gibt es eine Reihe von nützlichen Tools, mit denen die Barrierefreiheit einer Website geprüft und optimiert werden können.
In der Schweiz gibt es eine Accessibility-Checkliste, mit der überprüft werden kann, ob eine Website barrierefrei ist. Die Checkliste basiert auf den internationalen «Richtlinien für barrierefreie Webinhalte, WCAG 2.0».
Link: Accessibility-Checkliste der Stiftung Zugang für alle
Es gibt eine Reihe von Software-Tools mit deren Hilfe man gewisse Accessibility Probleme der Webseiten prüfen kann. Die Stiftung Access for All hat eine hilfreiche Linkliste mit verschiedenen Tools zusammengestellt.
Link: Linkliste Tools für barrierefreies Webdesign der Stiftung Access for all
Erstellen von barrierefreien PDF
Eine grosse Herausforderung für den barrierefreien Zugang sind PDFs: Viele Dokumente, die man auf dem Web findet, entsprechen nicht den Accessibility-Standards. Verschiedene Tools helfen dabei, ein Dokument zu analysieren und auf Barrierefreiheit zu überprüfen.
Grundsätzlich ist es möglich, mit dem kostenpflichtigen Programm Adobe Professional barrierefreie Dokumente herzustellen. Das setzt jedoch vertiefte Kenntnisse des Programms voraus.
Das Projekt Accessible Education der Fachstelle ICT-Accessibility des ZHAW-Instituts für angewandte Informationstechnologie bietet Studierenden, Mitarbeitenden von Hochschulen und öffentlichen Institutionen unter anderem die Möglichkeit, PDF-Dokumente online auf Barrierefreiheit zu prüfen und online barrierefreie Dokumente erstellen lassen.
Link: Projekt Accessible Education der ZHAW
Die Informationen als Dokument herunterladen:
Barrierefrei ins Web.pdf (292 kByte)
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Zum Archiv: |
