Soziale Arbeit im Wandel der Zeit
Die Soziale Arbeit hat in den letzten 100 Jahren starke Veränderungen erfahren. Prägend waren vor allem zwei Aspekte: Die zunehmende Professionalisierung der anfänglich ehrenamtlichen und freiwilligen Tätigkeiten und der starke Einfluss der Frauen auf das Berufsfeld. Im Folgenden wird die Entwicklung der Ausbildung in Sozialer Arbeit anhand einer kleinen Chronologie und am Beispiel der Zürcher Schule nachgezeichnet, die dieses Jahr ihr 100jähriges Jubiläum feiert.
Kleine Chronologie der Ausbildung in Sozialer Arbeit in der Schweiz
1. Fürsorgekurse für Frauen (ab 1908)
Im 19. Jahrhundert war die Fürsorge vor allem Aufgabe von Frauen, die sich freiwillig in konfessionell geprägten, grossbürgerlichen oder sozialdemokratischen Organisationen engagierten. Anfangs des 20. Jahrhunderts begannen Pionierinnen – unterstützt von sozialdemokratischen Männern – «soziale Fürsorgekurse für Frauen» durchzuführen, in denen Wissen zur Kindererziehung und später zur «Allgemeinen Fürsorge» vermittelt wurde.
2. Erste Soziale Frauenschulen (ab 1918)
Bereits ein knappes Jahrzehnt nach den ersten Fürsorgekursen entstanden in Luzern, Genf und Zürich erste soziale Frauenschulen. Die Schulen wurden später von den Kantonen finanziell unterstützt. Die kantonale Prägung blieb in der Folge bestehen. Die Idee einer gesamtschweizerischen Ausbildungsstätte wurde zwar kurz diskutiert, konnte sich aber nicht durchsetzen.
3. Gründung von sozialpädagogischen Ausbildungsstätten (ab 1930)
In den 30er Jahren wurden mehrere Schulen mit hauptsächlich sozialpädagogischer Ausrichtung gegründet. Die früher gegründeten Schulen verlagerten ihre Schwerpunkte auf Einzelhilfe, Gruppen- und Gemeinwesenarbeit.
4. Öffnung für Männer und Diversifizierung der Ausbildungen (ab 1945)
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Soziale Arbeit vorwiegend Frauensache. Nach dem 2. Weltkrieg wurden erstmals Männer zu den Ausbildungen zugelassen – der Frauenanteil unter den Schülerinnen und den Lehrerinnen blieb aber hoch.
Der Ausbau des Sozialbereichs brachte eine Zunahme der Berufsfelder und Studiengänge mit sich: Weiterbildungsangebote und Angebote in den Bereichen Früh- und Heimerziehung und soziokultureller Animation kamen dazu. Eine Zusammenarbeit zwischen den Schulen fand praktisch nicht statt – dies nicht zuletzt aus konfessionellen Gründen.
5. Sozialwissenschaftliche Ausrichtung (ab 1968)
In den zunächst einjährigen Ausbildungsgängen wurde vorwiegend allgemein bildendes und berufspraktisches Wissen vermittelt. Der Theorie-Teil der Ausbildung wurde sukzessive ausgebaut, aber wenig systematisiert. Ab 1968 gewannen theoretische und sozialwissenschaftliche Ansätze an Gewicht. Die Dauer der Ausbildungen verlängerte sich allmählich, ab den 1980er Jahren wurden drei bis vier Jahre die Regel.
6. Umwandlung in Fachhochschulen und Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen (ab 1996)
Die Einführung des Fachhochschulgesetzes und die Ratifikation des Bologna-Abkommens beeinflussten ab Ende der 90er Jahre auch die Ausbildung in Sozialer Arbeit. Mehrere Schulen wurden in Fachhochschulen umgewandelt und später mit anderen Fachrichtungen zu regionalen Hochschulen zusammengeschlossen. 2005 starteten die ersten Bachelorstudiengänge nach Europäischem Standard. Im Herbst 2008 beginnen die ersten Studierenden den Studiengang «Master of Science in Social Work».
Quellen:
Zürich: 100 Jahre Ausbildung in Sozialer Arbeit
Das Departement Soziale Arbeit der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft hat eine bewegte Vergangenheit. Was 1908 mit Fürsorgekursen für Frauen begann, wurde in der hundertjährigen Geschichte erweitert und professionalisiert.

Um 1900 lebten die Zürcherinnen Mentona Moser und Maria Fierz, beides Töchter aus gutem Haus, zu Ausbildungszwecken in London. Dort sahen sie die wirtschaftliche Not grosser Bevölkerungsschichten. Sie kamen in Kontakt mit den Ideen der Sozialreformer und engagierten sich als freiwillige Helferinnen in den Arbeiterquartieren.
Die drei Gründerinnen
Nach ihrer Rückkehr nach Zürich initiierten Moser und Fierz 1908 den ersten «Kurs zur Einführung in weibliche Hilfstätigkeit für soziale Aufgaben», genannt «Fürsorgekurs». Sie unterrichteten ehrenamtlich und auf eigene Kosten. Die Schülerinnen sollten Verantwortungsgefühl gegenüber den Notleidenden entwickeln und zu freiwilliger Hilfe animiert werden. Schon 1909 zog sich Mentona Moser aufgrund ihrer politisch radikaleren Position zurück.

Maria Fierz fand in Marta von Meyenburg ein tatkräftiges Pendant. Die «dritte Gründerin» prägte die Schule in den ersten 25 Jahren wesentlich. 1920 übernahm sie die Leitung der Schule, die nun «Soziale Frauenschule Zürich» hiess. Man bezog erstmals ein eigenes Büro und ein Schulzimmer und bald gelang es, die Finanzierung durch Beiträge von Stadt, Kanton und Bund breiter abzustützen.
Anstaltsgehilfinnen und erste Männer
Die Krise der 1930er Jahre rief nach einem weiteren Ausbau der «Sozialen Frauenschule Zürich». Neben Fürsorgerinnen wurden Säuglingsfürsorgerinnen, kirchliche Gemeindehelferinnen, Anstaltsgehilfinnen und -leiterinnen ausgebildet. Der lange Weg zur Professionalisierung der Sozialen Arbeit begann. Die Entwicklung ist auch auf dem Hintergrund des Ausbaus der staatlichen Sozialbehörden und privater sozialer Institutionen zu betrachten. Inhaltlich veränderte sich der Auftrag von der Fürsorge und Pflege in Richtung Beratung (Sozialarbeit) und Betreuung (Sozialpädagogik). Soziale Arbeit wurde nun zunehmend auch für Männer interessant. 1946 öffnete die Schule ihr Ausbildungsangebot für Männer und 1949 wurde die «Soziale Frauenschule» in «Schule für Soziale Arbeit Zürich» unbenannt.
Auf dem Weg zur Fachhochschule
Die letzten beiden Jahrzehnte waren geprägt von der Bestrebung, das Niveau der Sozialarbeitsausbildung anzuheben. An der «Soz» rang man darum, dass die Lehrpläne die spezifischen Anforderungen von Sozialer Arbeit genügend berücksichtigen. Parallel dazu entwickelten Dozierende in den 1980er und 1990er Jahren das «Systemische Paradigma der Sozialen Arbeit» und legten damit Grundsteine einer Sozialarbeitswissenschaft, die international unter dem Namen «Zürcher Schule» bekannt wurde. Der Entschluss zur Anhebung des Ausbildungsniveaus reüssierte 1999 in der Anerkennung als Fachhochschule: Sogleich starteten die ersten Ausbildungsgänge mit wissenschaftlichem Anspruch. Die neubenannte «Hochschule für Soziale Arbeit Zürich» (HSSAZ) stellte sich kurz darauf auch der Herausforderung «Bologna». Verschiedene Studiengänge in Sozialer Arbeit wurden zu einer Generalistenausbildung verschmolzen und im Wintersemester 2005/06 starteten die ersten 79 Studierenden ihren Bachelor-Studiengang nach europäischem Standard. Ihre Weiterbildung auf Masterstufe ist gesichert: Im Herbst 2008 startet – in Kooperation mit den Hochschulen für Soziale Arbeit in Bern, St. Gallen und Luzern – der erste «Master of Science in Social Work». Pünktlich zum hundertjährigen Bestehen fand erneut ein Statuswechsel statt – die vormalige HSSAZ gehört nun als Departement Soziale Arbeit zur ZHAW.
Weitere Informationen zur Geschichte der Schule finden Sie auf der Jubiläumshomepage www.sozialearbeit.zhaw.ch/jubilaeum und im Geschichtsflyer zum Jubiläum (PDF).
Hansruedi und Ursula Möhl-Mayer haben in den 60er-Jahren an der ehemaligen «Soz» studiert. In einem Artikel, der in der Zeitschrift für Sozialhilfe erschienen ist, berichten sie von ihren Erfahrungen.
Die Namen der Zürcher Schule im Wandel der Zeit
1908 Kurse zur Einführung in die weibliche Hilfstätigkeit, Kurse für Kinderfürsorge
1920 Soziale Frauenschule Zürich
1949 Schule für soziale Arbeit Zürich
1999 Hochschule für Soziale Arbeit Zürich
2007 ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Soziale Arbeit
Jubiläum Soziallabor
«Wir gehen dahin, wo sich Soziale Arbeit abspielt». Das ist die Kernidee hinter dem Sozial-Labor, mit dem das Departement Soziale Arbeit der ZHAW in seinem Jubiläumsjahr unterwegs ist. Von Juni bis Oktober stellt die Schule an fünf verschiedenen Orten im Kanton Zürich die beiden Sozial-Labor-Container auf. An Informationsveranstaltungen, Gesprächsrunden, kulturellen Events oder beim spontanen Austausch an der Bar können sich Interessierte mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen und Einblicke in die Unterrichts- und Forschungstätigkeit des Departements Soziale Arbeit der ZHAW erhalten. Die Soziallabors werden in Zusammenarbeit mit lokalen Partnerinstitutionen geplant und durchgeführt.
Das komplette Programm der Soziallabors finden Sie ab Ende Mai unter www.sozialearbeit.zhaw.ch/jubilaeum
Anlässlich des Jubiläums wurde führte die Zeitschrift Sozial Aktuell ein Interview mit der Direktorin Ursula Blosser (pdf).
Literatur und Links zur Geschichte der Sozialen Arbeit
In den vergangenen Jahren wurden verschiedene Aspekte der Geschichte der Sozialen Arbeit historisch aufgearbeitet. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Publikationen erschienen, die die Geschichte der Sozialen Arbeit in nördlichen Nachbarland beleuchten (vgl. Buchtipps auf der rechten Seite). Für die Schweiz existiert noch kein Übersichtswerk zur Geschichte der Sozialen Arbeit.
Historisches Lexikon der Schweiz
Einen guten Überblick über die Entwicklung in der Schweiz geben die Artikel Sozialarbeit und Fürsorge im Historischen Lexikon der Schweiz.
Sozialarchiv (Link)
Das Sozialarchiv besitzt eine sehr umfangreiche Sammlung verschiedenster Dokumente aus den Themenbereichen Sozialwissenschaften, Gesellschaft, Politik, Sozialpolitik, Fürsorge, Arbeit, Arbeiterbewegung, Sozialismus, Kommunismus, soziale Zustände und soziale Bewegungen.
NFP 51 (Link)
Das Modul Soziale Arbeit und Sozialpolitik des Nationalen Forschungsprojekts 51 untersucht Aus aktueller, historischer und vergleichender Perspektive werden in diesem Modul Entstehung und Praxis der sozialen Arbeit als Institution und Berufsfeld untersucht.
Institute und Wissenschaftliche Gesellschaften
- Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich
- Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
