Im Fokus:

«Meldet sich jemand freiwillig?» – Wie finden soziale Organisationen interessierte Freiwillige und was ist die Rolle der vermittelnden Stellen

 

Ein Interview aus aktuellem Anlass zum Europäischen Freiwilligenjahr 2011. Franziska Dürst, Mitarbeiterin der Kontaktstelle Freiwilligenarbeit der Stadt Zürich, beantwortet Fragen zur Freiwilligenarbeit: Welche Trends gibt es bei den Freiwilligen? Wie muss eine Organisation bei der Einführung von Freiwilligenarbeit vorgehen? Welche Rolle spielen die Fach- und Vermittlungsstellen?

Interview: Lukas Winkelmann

Portrait Franziska Dürst
Franziska Dürst (Bild: zürich freiwillig)

Frau Dürst, zwar leistet nach wie vor fast jede zweite Person in der Schweiz in irgendeiner Form Freiwilligenarbeit, doch die Zahl der Freiwilligen nimmt ab. Ist es generell schwieriger geworden, Leute für eine freiwillige Aufgabe oder ein freiwilliges Amt zu gewinnen?

 

Es ist nicht generell schwieriger geworden Freiwillige für die Freiwilligenarbeit zu gewinnen, aber die Freiwilligen sind sicherlich anspruchsvoller geworden. Oft höre ich von Organisationen, dass der klassische Freiwillige wie er vor 20 Jahren existierte, der einfach helfen wollte, sich hin zu einem anspruchsvollen Freiwilligen entwickelt hat, der auch gefordert werden will im Rahmen seines Engagements. Im Vergleich zu früher gibt es mehr Organisationen und Vereine, die auf Freiwilligenarbeit angewiesen sind. Deshalb auch das eher subjektive Gefühl, es gäbe weniger Freiwillige. Faktisch ist die Zahl der Freiwilligen in der Schweiz sehr konstant, es sind ca. 50% im formellen und informellen Bereich. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Anteil. Renommierte, grössere Organisationen im Sozial- und Non-Profit-Bereich haben den Vorteil, dass sie Freiwilligenarbeit anbieten können, welche anspruchsvoll ist und flexible Arbeitszeiten zulässt. Dies ist ideal für Freiwillige, die eine Auszeit ausfüllen möchten oder Pensionierte, die zwischendurch auch mal wieder reisen möchten und sich deshalb nicht fix binden wollen. Der Trend ist also eher hin zu unverbindlich und flexibel aber nicht mit weniger Einsatzfreude oder mit weniger zeitlichen Ressourcen.

 

Haben sich die Motive für Freiwilligenarbeit in den letzten Jahren verändert?

 

Nur wenige Leute machen Freiwilligenarbeit nur aus Gutmütigkeit. Motive sind auch heute noch vor allem Spass an der Tätigkeit, etwas für andere Menschen tun und Leute kennen lernen. Die Frage, was ich als Freiwilliger für eine Gegenleistung erhalte, ist dabei immer noch die wichtigste Überlegung. Im Vergleich zu früher machen sich die Leute vielleicht mehr Gedanken, was genau einem die Tätigkeit bringt. Ist die Arbeit das, was ich in diesem Moment brauche in meinem Leben? Was für Weiterbildungsmöglichkeiten bieten sich dabei? Junge überlegen sich oft auch, ob die Arbeit ein Ausgleich zum Berufsleben schafft und damit eine Verbesserung der Work-Life-Balance bringt. Pensionierte sagen sich eher: ich habe Zeit und möchte diese sinnvoll einsetzten.

 

Wie muss eine Organisation im Sozialbereich vorgehen, wenn Sie einen Teil ihrer Arbeit durch Freiwillige ausüben lassen möchte?

 

Eine Organisation muss sich bewusst sein, dass Freiwilligenarbeit nicht kostenlos ist. Die Arbeitsleistung durch die Freiwilligen mag zwar gratis sein, aber es fallen Kosten an für die Betreuung und Weiterbildung sowie für strukturelle Anpassungen. Dann muss sich eine Organisation überlegen, in welchen Bereichen kann ich Freiwillige einsetzen und wo ist dies eher nicht möglich. Freiwilligenarbeit darf auf keinen Fall die bezahlten Arbeitskräfte konkurrenzieren. Der Regelbetrieb muss durch bezahlte Arbeit gewährleistet sein. In einem Altersheim beispielsweise können Freiwillige die Pflegedienstleistung nicht ersetzen. Andere Aufgaben ausserhalb der Pflege kommen eher in Frage, wie zum Beispiel Zeit mit den Leuten verbringen, vorlesen, Gespräche führen.

 

Dann muss eine Organisation genau wissen, was für Leute sie für die Freiwilligenarbeit braucht. Dazu gehört auch ein klarer Aufgabenbeschrieb, wie bei jedem anderen Anstellungsverhältnis auch. Es ist ein Rekrutierungsprozess notwendig, bei dem man die Person kennenlernt und prüft, ob diese die nötigen Voraussetzungen für die Freiwilligenarbeit in dieser Organisation mitbringt. Es handelt sich also um ähnliche Abläufe wie bei einer normalen Mitarbeitergewinnung. Freiwilligenarbeit ist ein Teil des Personalmanagement, dessen muss man sich bewusst sein. Entsprechend braucht es das Wissen, die Sorgfalt und die personellen Ressourcen im Personalbereich, ähnlich wie bei normalen Anstellungsverhältnissen. Dies sollte auch ins Leitbild der Organisation mit einfliessen und die Organisationkultur prägen. Dies ist eine Haltungsfrage, der meist ein langer Prozess voraus geht und kann nicht von heute auf morgen geschehen.

 

Der zuständigen EU-Kommission für das Freiwilligenjahr 2011 ist es ein Anliegen, dass Freiwillige und bezahlte Angestellte innerhalb einer Organisation gut zusammenarbeiten. Gibt es hier also ein gewisses Konfliktpotential?

 

Konfliktpotential gibt es dann, wenn man die verschiedenen Aufgaben nicht sauber abgrenzt. Vor allem wenn bezahlte Angestellte die Freiwilligen als Konkurrenz wahrnehmen. Oder wenn sie das Gefühl haben, die Freiwilligen erhalten mehr Beachtung. Wenn die Freiwilligenkultur neu in einer Organisation aufgebaut wird, muss man von Anfang an klar kommunizieren und die angestellten Mitarbeitenden mit einbeziehen. Es ist eine Gratwanderung bei der es wichtig ist, dass man eine gute Prozessbegleitung hat.

 

Anerkennung für die geleistete Arbeit formulieren viele Freiwillige als Wunsch gegenüber der Organisation, für die sie tätig sind. Wie kann eine Organisation ihre Wertschätzung für die geleistete Arbeit ausdrücken?

 

Wichtige ist, dass man die Freiwilligen ernst nimmt, sie miteinbezieht, ihnen eine gewisse Mitsprache zugesteht und ihnen den eigenen Gestaltungsraum lässt. Meistens genügen kleine Gesten, damit sich die Freiwilligen ernst genommen fühlen: ein ehrliches Dankeschön, eine Geburtstagskarte, ein gemeinsames Essen. Wichtige Wertschätzungen in einer Organisation kommen aber auch zum Ausdruck, indem sie eine Ansprechperson bei Problemen für die Freiwilligen zur Verfügung stellt, fachliche Weiterbildungsmöglichkeiten anbietet oder im Jahresbericht die Freiwilligenarbeit explizit ausweist.

 

Was für eine Rolle spielen die Vermittler- und Triagestellen in der Freiwilligenarbeit?

 

Die Aufgabenprofile der Vermittlungs- und Triagestellen können unterschiedlich sein. Es gibt zum Beispiel die klassischen „Vermittler“, die aus einem Pool an Freiwilligen den Organisationen geeignete Leute zuweisen können oder solche, die Freiwillige „nur“ beraten und ihnen den Weg aufzeigen einen geeigneten Einsatz zu finden, sie jedoch nicht selber vermitteln. Dann gibt es die Stellen, die zusätzlich Beratungen von Organisationen anbieten. Teilweise werden auch eigene Weiterbildungsangebote durchgeführt. Fach- und Vermittlungsstellen nehmen zudem eine wichtige Rolle bezüglich Qualitätssicherung ein. Das heisst, sie haben die Möglichkeiten und Ressourcen um zu prüfen, ob die Organisationen die definierten Standards, welche von den schweizerischen Fach- und Vermittlungsstellen unter dem Dach von Benevol Schweiz erarbeitet wurden, einhalten. Hier können Fach- und Vermittlungsstellen einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung leisten und die Organisationen sinnvoll unterstützen, in dem sie ihnen bei der Umsetzung der Standarts beratend zur Seite stehen. Vereine, bei denen ein soziales Zusammenleben im Vordergrund steht oder die ein soziales Netzwerk bieten, rekrutieren ihre Freiwilligen häufig aus den eigenen Reihen. Anfragen an die Fach- und Vermittlungsstellen erfolgen oft durch Organisationen aus dem Sozialbereich, bei welchen die Identifikation mit der Organisation eher eine untergeordnete Rolle spielt, die eigentliche Tätigkeit aber entscheidet ob man ein Engagement annimmt oder nicht.


Wie wichtig ist die Vernetzung zwischen den einzelnen Fach- und Vermittlungsstellen im Kanton Zürich?

 

Diese Vernetzung ist für die Freiwilligenarbeit sehr wichtig. Die Fach- und Vermittlungsstellen sind keine Einzelkämpfer. Schlussendlich stehen die Freiwilligen und die Organisationen, welche Freiwilligenarbeit anbieten, im Zentrum. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass Fach- und Vermittlungsstellen sich nicht gegenseitig als Konkurrenz sehen, sondern als Ergänzung zueinander. Beispielsweise betreiben wir in der Stadt Zürich zusammen mit dem Kirchlichen Sozialdienst eine wichtige Zusammenarbeit mit der Zeitschrift , Webseite und der Stellenbörse „zürich freiwillig“. So können Synergien optimal genutzt werden, speziell wenn man geografisch am selben Ort tätig ist. Das wird von den Organisationen in der Stadt Zürich sehr geschätzt. Über den Verein Koordination Freiwilligenarbeit Kanton Zürich wird diese Vernetzung zudem kantonal vorangetrieben. Da eine solche im Kanton Zürich nicht existiert, übernimmt dieser Verein Grundfunktionen einer kantonale Fach- und Vermittlungsstelle, wie die Gewährleistung einer Stellenbörse oder Öffentlichkeitsarbeit. Der Verein vernetzt die Fach- und Vermittlungsstellen, sowie weitere Freiwilligenorganisationen aus verschiedenen Arbeitsbereichen im Kantonsgebiet.

 

Wann ist es sinnvoll, sich als Organisation aus dem Sozialbereich von der Kontaktstelle Freiwilligenarbeit beraten zu lassen? Wie muss man sich eine solche Beratung vorstellen?

 

Wir haben einen öffentlichen Dienstleistungs- und Beratungsauftrag für alle Organisationen und private Trägerschaften in der Stadt Zürich. Bei Organisationen welche bereits Freiwillige beschäftigen, stehen eher praktische Fragen im Vordergrund: Fragen zur Administration, zur Spesenabrechnung sowie Versicherungsfragen oder aber Anfragen nach praktischen Merkblättern. Bei Organisationen, welche neu mit Freiwilligenarbeit starten, bieten wir Beratung und Begleitung an. Wir arbeiten sehr prozess- und bedürfnisorientiert. Schlussendlich muss das Resultat vor allem für die Organisationen stimmig sein. Wir schreiben niemandem vor, wie er vorzugehen hat, sondern wir zeigen auf, was sich bewährt hat und versuchen für die betreffende Organisation den besten Weg zu finden. Darüber hinaus ist uns ein guter Kontakt zu den Organisationen wichtig um zu merken, wie wir sie zusätzlich unterstützen können.


wnuk, 28.03.2011


Franziska Dürst ist Mitarbeiterin der Kontaktstelle Freiwilligenarbeit der Stadt Zürich und Vorstandsmitglied im Verein Koordination Freiwilligenarbeit Kanton Zürich.


Die Kontaktstelle Freiwilligenarbeit ist dem Sozialdepartement der Stadt Zürich angegliedert und wird von zwei Mitarbeiterinnen geführt. Zusammen mit dem Kirchlichen Sozialdienst der Stadt Zürich veröffentlicht die Kontaktstelle Freiwilligenarbeit die Zeitschrift und Webseite „zürich freiwillig“.


Verschiedene Formen des freiwilligen Engagements:


Freiwillige leisten ausserhalb der Familie aus freiem Willen eine zeitlich begrenzte und unbezahlte Tätigkeit zugunsten Dritter. Formelle Freiwilligenarbeit: Tätigkeit für eine Organisation/Institution/Verein/Heim: Sportvereine, Freizeitvereine, Kulturelle Vereine, Kirchliche Organisationen, Öffentliche Dienste, Soziale und karitative Organisationen, Interessenverbände, Politische Ämter/Parteien, Menschenrechts- und Umweltverbände. Informelle Freiwilligenarbeit: Tätigkeit für Verwandte und Bekannte (ausserhalb Kernfamilie), Freundes- und Nachbarschaftskreis.


In Abgrenzung dazu engagieren sich die Ehrenamtlichen unbezahlt in Vereinsvorständen und politischen Gremien als gewählte Mitglieder.


Spezielle Regeln gelten für die Zusammenarbeit mit privaten Mandatsträgerinnen, welche im Auftrag der Vormundschaftsbehörde ein vormundschaftliches Mandat gegen ein bescheidenes Entgelt übernehmen.


Die Freiwilligenarbeit unterscheidet sich von der gemeinnützigen Arbeit. Diese wird von Personen geleistet, welche im Rahmen der Sozialhilfe zu einer Gegenleistung verpflichtet sind und durch eine Integrationszulage entschädigt werden.




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Hilfe für Organisationen aus dem Sozial- und Non-Profit-Bereich:


Kontaktstelle Freiwilligenarbeit Stadt Zürich Dienstleistungs- und Beratungs-angebot
Stiftung Kirchlicher Sozialdienst Informations- und Beratungsstelle
zürich freiwillig Stellenbörse
Benevol Schweiz Regionale Benevol-Stellen
Benevol-jobs.ch Stellenbörse
Engagiert.Freiwillig. Informationen zum Europäischen Freiwilligenjahr
Reformierte Kirche Kanton Zürich Arbeitshilfen, Weiterbildung, Beratung
Innovage Beratung, Unterstütung
Koordination Frei-willigenarbeit ZH Vereinsbroschüre, Dokumente, Links



Das Thema «Freiwilligenarbeit» im Fokus der Medien:


«Jeder sollte sich etwas suchen» erschienen im Landbote vom 4. Dezember 2010


«Freiwilligenarbeit: Gutes tun tut gut» erschienen im Landbote vom 13. Dezember 2010


«Zeitgeist weht auch im Ehrenamt» erschienen in der Zürichsee-Zeitung vom 29. Dezember 2010


«700 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit pro Jahr» erschienen in der Aargauer Zeitung vom 7. Januar 2011


«Hörpunkt: Freiwilligenareit» gesendet auf Schweizer Radio DRS2 am 24. Februar 2011



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