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Alt werden im Straf- und Massnahmenvollzug

 

Die Anzahl inhaftierter älterer Menschen in Schweizer Gefängnissen hat sich zwischen 1984 und 2008 verdoppelt. Darauf sind diese Institutionen nicht genügend vorbereitet, wie eine vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Studie des Departements Soziale Arbeit der ZHAW zeigt.

Interview: Doris Aebi

Bild Barbara Baumeister
Barbara Baumeister

Die Zunahme inhaftierter älterer Menschen stellt den Strafvollzug vor neue Herausforderungen. Diese Herausforderungen sowie mögliche Lösungen haben die Psychologin Barbara Baumeister und der Sozialpädagoge Samuel Keller vom Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften untersucht. Sie erstellten eine gesamtschweizerische Statistik alter Gefängnisinsassen und -insassinnen (50 Jahre und älter) und führten in drei Institutionen – Kantonale Strafanstalt Pöschwies (ZH), Kantonale Strafanstalt Saxerriet (SG), Kantonales Massnahmenzentrum Bitzi (SG) – Interviews mit alten Insassen (zum Zeitpunkt der Untersuchung war keine Frau über 60-jährig in der Schweiz inhaftiert) und mit Gefängnisangestellten durch.


Drei Fragen an Barbara Baumeister, Projektleiterin der Studie «Alt werden im Straf- und Massnahmenvollzug»:


Frau Baumeister, welches Ziel verfolgten Sie mit der vorliegenden Studie? Wie sieht der aktuelle Forschungsstand aus?

Das Ziel der Studie bestand darin, genaues Wissen zu gewinnen über die spezifischen Belastungssituationen der älteren Insassen und über die konkreten Herausforderungen, mit denen Vollzugsmitarbeitende in der Betreuung der Zielgruppe konfrontiert sind. Es handelt sich hier um die erste sozialwissenschaftliche Studie in der Schweiz, welche sich mit dem Thema der alten Insassen befasst. Die bedeutendste Studie in Deutschland ist ein rechtswissenschaftlicher Bericht von Schramke[1]. Er hat die Situation der Insassen im Strafvollzug bereits vor 15 Jahren untersucht und unterscheidet drei Tätertypen – die sich durch die jeweilige strafrechtliche Vorbelastung ergeben – die unterschiedlich mit der Situation im Vollzug umgehen. Im Unterschied zu den meisten Forschungen in diesem Bereich haben wir jedoch explizit keine Typologisierung im Voraus gewählt. Mit unserem sozialwissenschaftlichen Blick berücksichtigten wir hingegen persönliche Interessen, biografisch gefestigte Haltungen, aufgebaute Fähigkeiten und Lebensgeschichten, die die älteren Gefängnisinsassen in die Institution hineinbringen. Wir gingen davon aus, dass sich ihre Anpassungsleistungen im Vollzug stark an den Anpassungsleistungen in ihrem vorhergehenden Leben orientieren, unabhängig davon, welches Delikt sie verübten und wie lange sie bereits im Vollzug sind.

Hinzu kommt, dass die meisten Studien über das Vollzugspersonal in der Schweiz älteren Datums sind und sich auf einen verwahrungsorientierten Vollzug beziehen, der so in der Schweiz nicht mehr praktiziert wird. Und schliesslich ist eine weitere Besonderheit, dass wir in unserer Studie die Perspektive der älteren Insassen und die Perspektive des Vollzugspersonals einander gegenüber stellten und damit Einsichten in Wechselwirkungen in den Alltagssituationen bekamen.



[1] Schramke, H.-J. (1996). Alte Menschen im Strafvollzug. Empirische Untersuchung und Kriminalpolitische Überlegungen. Bonn: Forum Verlag Godesberg

 

Wie sind die Gespräche mit den Insassen verlaufen und welche Erkenntnisse konnten Sie daraus ableiten?

Einerseits sind ältere Insassen mit denselben Alternsprozessen betroffen wie ältere Menschen in Freiheit. Sie sind jedoch mit anderen Bedingungen konfrontiert, um mit diesen Veränderungen umzugehen. So beeinflussen die infrastrukturellen Möglichkeiten die alltäglichen Handlungen eines Insassen, insbesondere wenn er körperlich eingeschränkt ist. Oder die Lebensplanung des alten Insassen wird durch die Inhaftierung unterbrochen und dies mit der gleichzeitig kürzeren Lebensperspektive im Vergleich zu einem jüngeren. Die Ungewissheit über die noch verbleibende Zeit ist eine zusätzliche Belastung für sie. Alte Menschen haben häufig das Bedürfnis zur Bilanzierung, zum Erstellen eines Lebensrückblicks, wobei sich die alten Menschen im Vollzug mit Problemen im Alltagsleben auseinandersetzen müssen. Sie stellen sich zudem Fragen wie: Wo werde ich meinen Lebensabend verbringen? Was denken meine Angehörigen? Neben diesen gemeinsamen Merkmalen aller alten Insassen stellten wir fest, dass die Insassen den Kontext unterschiedlich wahrnehmen und auch über unterschiedliche Ressourcen verfügen wie sie mit der Situation umgehen können. So konnten auf Basis der Analysen vier unterschiedliche Typen herausgearbeitet werden.

 

Was bedeutet die Arbeit mit älteren Insassen für Mitarbeitende des Strafvollzugs?

Wie bereits gesagt, gibt es Wechselwirkungen zwischen den Insassen und den Mitarbeitenden im Strafvollzug. Wenn die infrastrukturellen Begebenheiten ungenügend vorhanden sind z.B. rollstuhlgängige Zimmer, Haltegriffe, Fahrstühle usw. fehlen oder es keine Tagesstruktur gibt, sobald ältere Insassen der Arbeitspflicht nicht mehr nachgehen können, dann sind die Mitarbeitenden gefordert, individuelle Lösungen zu finden. Unterstützt man nun ältere Insassen mit einer entsprechenden Infrastruktur, so schafft man auch eine Erleichterung für das Vollzugspersonal. Dazu kommt, dass die Mitarbeitenden zu unterschiedlichen Altersthemen ungenügend geschult sind. Sie sind mit Resozialisierungsbemühungen beauftragt und auf der anderen Seite benötigt der alte Insasse aber vielleicht Hilfe- oder einfache Pflegeleistung oder andere Betreuungsaufgaben. Wenn nicht klar geregelt ist, was Betreuung, Hilfe oder Pflegeleistungen sind und welche Aufgaben die Mitarbeitenden übernehmen müssen, so kann das unter den Mitarbeitenden zu gewissen Spannungen führen.

Wir empfehlen den Institutionen des Straf-und Massnahmenvollzugs, sich auf die Zunahme alter Insassen einzustellen und entsprechende Massnahmen wie eine Tagesstruktur oder Schulungen für das Personal umzusetzen.



Weitere Informationen

 

Kurzbericht der Studie

 

Buch «Alt werden im Straf- und Massnahmenvollzug» von Barbara Baumeister und Samuel Keller

 

www.dissozialität.ch

 




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Soziale Arbeit - Beiträge aus der Forschung

In den letzten Jahren stieg der Anteil der älteren Häftlinge stetig, nicht zuletzt, weil die verwahrten Strafgefangenen auch im ...

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Weiterführende Literatur

Goffman, E. (1972). Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Stuttgart: Suhrkamp.


Görgen, T. (2007). Ältere und hochaltrige Gefangene - Herausforderungen (und Entwicklungschance) für den Strafvollzug. Kriminalpädagogische Praxis, 35 (45), 5-12.


Schramke, H.-J. (1996). Alte Menschen im Strafvollzug. Empirische Untersuchung und Kriminalpolitische Überlegungen. Bonn: Forum Verlag Godesberg.


Schneeberger Georgescu, R. (1996). Betreuung im Strafvollzug: Das Betreuungspersonal zwischen Helfen und Strafen. Bern: Haupt.



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