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«Mediation soll nicht instrumentalisiert werden»

 

Immer mehr Fachleute aus der Sozialen Arbeit übernehmen innerhalb ihrer eigenen Institution auch Mediations-Aufgaben. Welche Voraussetzungen sind nötig, damit sie in dieser Tätigkeit erfolgreich sind? Ein Gespräch mit ZHAW-Dozentin Jessica Hellmann über verschiedene «Rollenhüte» und die Chancen und Grenzen von Mediation.



Interview: Stefanie Arnold



 

Frau Hellmann, Sie unterrichten seit acht Jahren im einjährigen Zertifikatskurs CAS Mediation. Was sind das für Leute, die Ihre Ausbildung besuchen?

Wir führen den CAS Mediation in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) durch. Rund die Hälfte unserer Teilnehmenden sind aus dem Schulbereich, beispielsweise Schulleiterinnen, Bereichsleiter, Lehrpersonen, Kindergärtner oder Schulpflegepräsidentinnen. 49 Prozent stammen aus der Sozialen Arbeit: Sozialpädagoginnen, Schulsozialarbeiter oder Sozialberaterinnen. Und etwa ein Prozent sind «Berufsfremde», beispielsweise Mitarbeitende aus Post, Versicherungen oder Gewerbe.


 
Jessica Hellmann: «Systeminterne Mediatorinnen und Mediatoren müssen den Rollenhut an- und ausziehen können.» (Bild: arno)

Interessierte können, aufbauend auf den CAS Mediation, ein Vertiefungsseminar besuchen, um Aufnahme im Schweizerischen Dachverband für Mediation (SDM-FSM) zu finden. Ist das Ziel der Teilnehmenden also eine Tätigkeit als hauptberuflicher Mediator oder Mediatorin?

Es gibt kaum jemand, der oder die hauptberuflich als Mediator oder Mediatorin arbeitet. Einige besuchen den CAS mit dem Ziel eines Masters of Advanced Studies (MAS), beispielsweise des MAS Supervision, Coaching und Mediation oder des MAS Bildungsmanagement. Für manche ist das Ziel eine nebenberufliche selbständige Tätigkeit als Mediatorin oder Mediator. Aber die meisten Kursteilnehmenden haben beruflich eine andere Funktion. Mediation ist für sie ein Teil des Werkzeugs, das sie in ihrem beruflichen Koffer integriert haben.



Heisst das, dass diese Fachleute ihre mediatorische Tätigkeit nur innerhalb ihrer eigenen Institution ausüben?

Nicht unbedingt. Das sehe ich jeweils an den CAS-Arbeiten. Diese werden sowohl über externe wie auch über interne Mediationen gemacht. Für die berufliche Anerkennung benötigt es die Beschäftigung mit einer Mediation in einer anderen Institution, also eine «systemexterne» Mediation. Das ist eine Auflage des Berufsverbandes. Aber im Berufsalltag sind die meisten Teilnehmenden später häufig als «systeminterne» Mediatorinnen tätig. Sie führen Mediationsprozesse in ihrer Institution oder Behörde durch: Sie mediieren beispielsweise als Lehrerin zwischen einem Schulkind und seinen Eltern, vermitteln als Schulsozialarbeitende zwischen Jugendlichen oder arbeiten als Mitarbeitende einer Kinderschutzbehörde mit verstrittenen Eltern.

 


Worin unterscheidet sich die Tätigkeit als «systeminterner» Mediator von der als «systemexterne» Mediatorin?

Systemexterne Mediation geschieht aus einer allparteilichen, neutralen Rolle heraus. Die Mediatorin oder der Mediator moderiert einen sozialen Konflikt in einer Einrichtung, mit der er oder sie sonst nichts zu tun hat.

Die systeminternen Mediatorinnen und Mediatoren sind dagegen Teil der Institution, in der sie mediieren. Sie sind dadurch nicht ganz frei. Und sie werden mit verschiedenen Rollenerwartungen konfrontiert: Sie sind nicht nur Mediatorin oder Mediator, sondern haben auch eine angestammte Berufsrolle. Vorgesetzte, Klientinnen und Klienten oder Drittpersonen haben darum möglicherweise unterschiedliche Erwartungen an sie.



Das klingt sehr anspruchsvoll. Wie können systeminterne Mediatorinnen und Mediatoren diesen unterschiedlichen Erwartungen gerecht werden?

Die Position als systeminterne Mediatorin oder Meditator benötigt viel Reflexion. Wichtig ist, dass eine spezifische Rollenklärung stattfindet. Die systeminternen Mediatorinnen müssen den Rollenhut an- und ausziehen können, wenn sie von der angestammten Berufsrolle in die Vermittlungsrolle schlüpfen. In unseren Kursen üben wir das ganz konkret mit Rollenspielen.


 

Was bereitet den Teilnehmenden bei der Übernahme des «Mediations-Hutes» am meisten Schwierigkeiten?

Als Mediatorin oder Mediator habe ich Prozessverantwortung, nicht Lösungsverantwortung. Das heisst: Die Streitparteien sollen dank der Mediation fähig sein, selber zu Lösungen zu kommen.

Als Mediatorin bin ich ihnen bei einem Prozess behilflich. Ich gebe aber nicht die Lösung vor. Unsere Kursteilnehmenden müssen hier oft umlernen. Als Schulleiterin oder Sozialarbeiter wissen sie oft, was richtig und falsch ist. Sie müssen das auch aufgrund ihrer beruflichen Rolle. Diese Haltung müssen sie für die Mediation ablegen.



Gibt es auch Momente im Mediationsprozess, in denen es nötig ist, den angestammten Hut als Fachpersonen wieder anzuziehen?

Die gibt es. Wenn eine Sozialarbeiterin zum Beispiel in der Besuchsbeistandschaft arbeitet, muss sie die Rechte des Kindes wahren. Sie muss deshalb eine klare Diagnostik machen: Sind die Eltern mediationsfähig? Sind sie überhaupt fähig, die Sicht der Kinder zu sehen? Wenn dies nicht der Fall ist, muss die Sozialarbeiterin den Mediationshut ablegen. Ein Machtwort kann dann das Kindswohl besser gewährleisten.



Bei manchen Konflikten ist also keine Mediation möglich?

Ohne die Bereitschaft der Beteiligten, sich auf den Mediationsprozess einzulassen, ist keine Mediation möglich. Zuerst haben die beiden Parteien jeweils fixe Positionen, die nicht miteinander vereinbar scheinen. Ein Schritt des Mediationsprozesses besteht darin, herauszufinden, welche Interessen hinter diesen Haltungen stecken. Ziel ist es, die oder den Anderen nicht mehr als Feind zu sehen. Wenn das funktioniert, ist das ein wichtiger Wendepunkt. Sowohl im Kopf wie auch emotional. Zu wissen, wir brauchen einen Kompromiss. Und zu sehen, der oder die Andere ist auch ein Mensch, seine Bedürfnisse und Interessen sind legitim. Dann kann man auch Lösungen finden.

Der «emotionale Zwanziger» fällt manchmal aber auch nicht, dann wird abgebrochen. Ich versuche zwar, zu motivieren. Aber wenn jemand nicht für den Prozess bereit ist, macht es keinen Sinn.



Weil sonst die Gefahr besteht, dass der oder die Uneinsichtige sich immer durchsetzt und die einsichtige Partei nachgibt?

Ja, die Gefahr kann bestehen. Es gab in der Vergangenheit leider einige Scheidungsvereinbarungen, die auf Mediationsverhandlungen beruhten, die sehr ungleich waren. Das ist ein falsches Verständnis von Mediation. Mediation soll nicht Ungleichheit zementieren, sondern auf gerechte Lösungen hinarbeiten. Wenn das nicht möglich ist, braucht es das Konfrontieren vor Gericht, damit es zu einer gerechten Vereinbarung kommt. Mediation hat ihre Grenzen. Sie soll nicht instrumentalisiert werden.



arno, 19.11.2009


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Jessica Hellmann


unterrichtet seit 8 Jahren im heutigen «CAS Mediation». Sie ist ausgebildete Sozialarbeiterin FH, Psychotherapeutin SPV und Supervisorin und Mediatorin SDM-FSM. Sie arbeitet in eigener Praxis und als Supervisorin in mehreren systemischen Weiterbildungen.



Positionen in der Mediation

 

Mediation wird als übergeordneter Begriff für alle Formen der konstruktiven Bewältigung von sozialen Konflikten benutzt. Dabei sind drei verschiedene Konstellationen zu unterscheiden:

 

Mediation aus der Position der systemexternen Partei
Die Mediatorin oder der Mediator moderiert die Klärung und Lösung eines sozialen Konfliktes in einer anderen Einrichtung, mit Klienten mit der er/sie sonst nichts direkt zu tun hat.


Mediation aus der Position der systeminternen Partei

Eine Fachperson benutzt ihre Kenntnisse in Mediation, um innerhalb der der eigenen Institution zu moderieren. Unterschiedliche Rollenerwartungen machen dabei eine spezifische Rollenklärung notwendig.


Mediation aus der Position einer Konfliktpartei

Eine Person mit Kenntnissen in Mediation reflektiert ihre Rolle in einem Konflikt, an dem sie selber beteiligt ist. Hier wird nicht eine Mediatorenrolle eingenommen, sondern es handelt sich um eine Selbstreflexion mit den Analyseinstrumenten der Mediation.





 

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