Interview: Claudia Le Flocq
In den Therapien mit drogenabhängigen Eltern und ihren Kindern habe ich zunehmend eine Wahrnehmung darüber entwickeln können, dass in den Familiensystemen andere «Wahrheiten» durchschimmerten, als die, die klassischerweise in der Wissenschaft über die Entstehung von Drogenabhängigkeit beschrieben sind.
Ruthard Stachowske: «Eine mehrgenerationale Perspektive führt zwangsläufig zu einer anderen Haltung» (Bild: ZVG) |
Zum einen ist mir aufgefallen, dass die Eltern der Drogenabhängigen oft über Jahre und Jahrzehnte mit einem großen Bemühen versucht haben, die Lebensentwicklung ihrer Kinder zu verändern und die Eskalation zu verhindern. Dieses Bemühen passte häufig nicht zur offiziellen Lehrmeinung von «Broken-home-Familien» und von belasteten und destruktiven Sozialisationsbedingungen. Genauso erging es mir in der Therapie mit drogenabhängigen Eltern und ihren Kindern: Auf der einen Seite haben wir in diesen Therapien viel menschliches Leid und Elend erleben müssen – auf der anderen Seite haben viele dieser Eltern ihre Kinder so geliebt, dass offensichtlich war, dass sie das, was sich in ihrem Leben und dem Leben ihrer Kinder ereignet hat, vom Herzen nicht wollten. Sie hätten alles getan, um das zu verhindern, was sich letztendlich doch entwickelt hat, eben eine manifeste Drogenabhängigkeit und in aller Regel komplex belastete Lebensentwürfe der eigenen Kinder. |
Das hat mich zu der Frage geführt: «Gibt es andere Entstehungsbedingungen für die Manifestation von Drogenabhängigkeit als die, die seit Anfang der 70er Jahre als offizielle Lehrmeinung beschrieben werden?». Dies war der Beginn der Suche nach anderen Zusammenhängen über die Entstehung von Drogenabhängigkeit und suchtkranke Familiensystemen. In wissenschaftlichem Sinne habe ich die Hypothese formuliert: «Gibt es eine Verbindung zwischen der Manifestation von Drogenabhängigkeit und dem System der Generationen dahinter?»
Um diese Frage zu beantworten habe ich über viele Jahre mit mehrgenerationalen Familiensystemen ein Genogramm bis zu fünf Generationen tiefer angefertigt. In einem zweiten Schritt habe ich «Live-Therapien» durchgeführt, d.h. die Großeltern, die Eltern unserer Klienten und die Kinder haben an gemeinsamen Therapieprozessen teilgenommen.
Diese Therapie habe ich unter anderem mit der Methode der Mehrgenerationen-Familientherapie durchgeführt. Darüber hinaus habe ich jeweils zusammen mit den Klienten spezielle Fragestellungen erarbeitet, die in den Therapieprozessen zusammen mit den Familien erarbeitet wurden. Aus diesen annähernd 60 Familientherapiesitzungen habe ich dann 12 Entwicklungsprozesse von Familiensystemen und ihren Generationen im Detail analysiert.
Dabei sind Muster erkennbar geworden, die sich wie ein roter Faden durch alle Familiensysteme gezogen haben – und die auch nach Abschluss meiner eigentlichen Forschungsarbeit immer wieder erkennbar werden.
Muster Nr. 1 – Alle Klienten, die an den Mehrgenerationen-Familientherapien teilgenommen haben, sind in Familiensystemen sozialisiert worden, in denen offen oder versteckt Suchterkrankungen manifest waren. Darüber hinaus ist in vielen Fällen deutlich geworden, dass es Ähnlichkeiten in den Konsummustern gab. Das heisst, die drogenabhängigen Kinder haben ähnliche oder identische Substanzen konsumiert wie ihre Eltern oder Großeltern.
Eine manifeste Drogenabhängigkeit erschien in dieser Perspektive als Ausdruck und Teil einer nicht erkannten oder verdrängten Familiengeschichte – anders gesagt: «Die Jungen haben nur etwas gelebt, was die Alten seit Generationen vorgelebt haben».
![]()
Muster Nr. 2 – In allen Familiensystemen haben wir generationsübergreifende, nicht verarbeitete Traumata wiedergefunden, die von Generation zu Generation neu erlebt wurden, in einigen Fällen sogar in gleichen Lebensaltern. Dieser Zusammenhang war den Betroffenen jedoch oft nicht klar. So haben wir generationsübergreifend sexuelles Missbräuche an Kindern und andere sexuelle Gewalt erlebt – ohne dass innerhalb des Systems der Generationen dieser generationsübergreifende Zusammenhang bewusst war. Dies gilt auch für andere Traumata. Auch generationsübergreifend identische Krankheitsbilder und insbesondere psychosomatische Krankheitsbilder wurden erkennbar. Es wirkte so, als ob es so etwas wie ein «somatisches Familiengedächtnis» geben würde.
Muster Nr. 3 – Dies war das am schwersten zu verstehende Muster. Ohne dass uns dies zu Beginn der Mehrgenerationentherapie bewusst war, wurde in den Therapien deutlich, dass wir wiederholt Enkelinnen und Enkel von z.T. großen Nazi-Tätern in Therapieprozessen begleitet haben. Mühsam habe ich verstehen müssen, dass die Folgen des 2. Weltkrieges eben nicht im Mai 1945 beendet waren, sondern dass in Deutschland und anderen Ländern das Grauen des 2. Weltkrieges weiterlebte. Es gab Familiensysteme, in denen Kinder von Tätern des 2. Weltkrieges wiederum Kinder von Opfern des 2. Weltkrieges geheiratet haben. Hier haben zwei Menschen versucht, die jeweils andere Familiengeschichte in ihrer Ehe so miteinander zu verbinden, dass eine Integration dieser extremen Unterschiedlichkeit in jeweils ihrem System der Generationen gelingen konnte – und dies ist oft genug nicht gelungen. Dieses Muster haben wir auch in anderen europäischen Kulturen erlebt, z.B. in Spanien, in Portugal, in der Türkei, in Italien, Russland oder Polen, in denen Diktaturen die Lebensentwicklung der Menschen nachhaltig mit beeinflusst und häufig genug zerstört haben.
Bezogen auf die Arbeit mit Suchterkrankungen wenden wir dieses Wissen konsequent an. In jeder Therapie wird mit der Methode des Genogramms gearbeitet. Es werden nach Möglichkeit Mehrgenerationen-Familientherapiesitzungen durchgeführt. Die Herkunftsfamilie und das System der Generationen werden an der Therapie beteiligt. Und in jeder Therapie werden die Fragen erarbeitet, «Welche Rückkopplungen gibt es zwischen dem Leben des Klienten, dem seiner Kinder und seiner Familie und dem System der Generationen?» und «Welche Bedeutung hat die Manifestation einer Suchterkrankung im System der Generationen?».
![]()
Die beraterische und die therapeutische Arbeit mit diesen Zusammenhängen führt zu einem erweiterten Erkenntniswissen und in aller Regel zu einer Entlastung. Beteiligte bringen immer wieder zum Ausdruck, dass sie eine große Erleichterung spüren, dass endlich über die Wahrheiten in ihrem Familiensystem gesprochen wurde, die sie gespürt haben und für die sie aber lange Zeit keine Worte gefunden haben. Diese Art des Handelns führt zwingend zu einem anderen und in aller Regel leichteren Zugang zu dem Kontext des Klienten.
Die WHO in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts beschlossen, ergänzend zu der ICD 10 die ICF als ein neues Diagnosesystem einzuführen. Die ICF verlangt im Standard, den sozialen Kontext des Betroffenen zu verstehen. Ich gehe daher davon aus, dass die systemische, kontextuelle und mehrgenerationale Perspektive zukünftig noch eine andere Bedeutung erlangen wird.
Die ICF kann nach meinem Verständnis in ihrer Komplexität nur umgesetzt werden, wenn systemisch, kontextuell und mehrgenerational gedacht wird.
Eine mehrgenerationale Perspektive führt zwangsläufig zu einer anderen Haltung. Die Beachtung des ganzen Systems führt dazu, dass das gesamte Familiensystem mit einer, wie ich denke, sehr viel größeren Wertschätzung betrachtet und beteiligt wird – und dies führt zu einer hohen Motivation, an den Problemen des Betroffenen mitzuarbeiten.
Es ist erstaunlich zu sehen, wie selbst kleine Kinder zusammen mit alten Menschen reagieren, neue Zusammenhänge verstehen und sich auf diese Zusammenhänge berufen. Wenn die mehrgenerationale Perspektive von der Frage an das System der Generationen getragen ist, «Können Sie uns bei der Therapie oder Beratung Ihres Familienangehörigen helfen?», dann schafft dies eine Verbindung und eine Kraft, die ich bei individualzentrierten Settings selten erlebt habe.
Die Mehrgenerationen-Familientherapie hat sich aus der Behandlung von Essstörungen, insbesondere im Jugendalter und jungen Erwachsenenalter, entwickelt und wird dort seit Mitte der 50er Jahre angewandt. Und wir wissen von der großen Bedeutung und Wirkung der mehrgenerationalen Perspektive im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen.
In den Arbeiten von Massing et al. (vgl. Literaturhinweise) ist darüber hinaus die Anwendung des mehrgenerationalen Settings bei Lernstörungen, Zwängen, Störungen in Paarbeziehungen, bei Depressionen, psychischen Erkrankungen und psychosomatischen und somatischen/chronischen Störungen und bei Suizidalität beschrieben.
Es gilt nach meinem Verständnis noch einen anderen Zusammenhang zu verstehen. Die Mehrgenerationen-Familientherapie hat wie kein anderes Therapieverfahren die Forderung erhoben, dass zeitgeschichtliche Einflüsse auf die Entwicklung des Systems der Generationen in der Therapie berücksichtigt werden müssen.
Hier wird das enorme Missbrauchspotential von hoch suchtpotenten pharmakologischen Substanzen deutlich, das in dieser Kultur seit mehr als 175 Jahren eine der Ursachen für Abhängigkeitserkrankungen ist. In der Folge eines fahrlässigen Umgangs mit suchtpotenten pharmakologischen Substanzen entwickeln sich zwangsläufig Abhängigkeiten. Das bedeutet, dass die mehrgenerationale Perspektive auch den Blick über das eigentliche System der Generationen hinaus schweifen lässt – und dabei Konflikte in Kultur und Zeitgeschichte erkennbar werden und diese in ihrer Bedeutung für den Einzelnen, sein Familiensystem und sein System der Generationen gewürdigt wird.
Sicherlich in der Komplexität. Nicht alle Kolleginnen und Kollegen wollen sich in der Komplexität bewegen, die es bedeutet, mehrgenerational zu handeln und im mehrgenerationalen Setting zu arbeiten und zu denken. Darüber hinaus bedarf es einer größeren Vorbereitung, einer intensiveren therapeutischen und sozialarbeiterischen Arbeit und der Überwindung von kulturellen Fragestellungen und Problemen.
Kurz: Dies ist keine einfache Methode. Von daher bedarf es einer genauen Festlegung, bei welchen Störungsbildern und in welchen Situationen diese Methode angewandt werden kann – und angewandt werden sollte.
Ich gehe davon aus, dass diese Perspektive bei dramatischen Entwicklungen im Leben, insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, angewandt werden soll. Das wären beispielsweise schwere Essstörungen, Suchterkrankungen, Behinderungen und Lernstörungen, suizidale Handlungen oder unerklärbare somatische Symptomatiken.
Systemische und kontextuelle Verfahren und die Mehrgenerationen-Familientherapie bedeuten zwar im ersten Moment einen höheren Aufwand – insgesamt ist die Frequenz der Therapie ungleich niedriger als z.B. bei der Anwendung von langfristigen Beratungen, von tiefenpsychologischen oder psychoanalytischen Verfahren.
|
Prof. Dr. Ruthard Stachowske Ruthard Stachowske ist Diplom-Sozialarabeiter (HF) und Diplom-Sozialpädagoge und hat sich in verschiedenen therapeutischen Ansätzen weitergebildet. Er leitet die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch, eine Einrichtung der Medizinischen Rehabilitation/Drogen-Langzeittherapie mit abhängigkeitskranken Erwachsenen, abhängigkeitskranken Eltern und mit ihren Kindern, und ist Honorarprofessor an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden. Weitere Informationen: www.stachowske.de |
