Menschenrechtsorientiert wahrnehmen - beurteilen - handeln

Rezension

Buchcover


Die UNO-Menschenrechte sind die normative Grundlage der heutigen Weltgesellschaft. Diesen Bezugsrahmen haben auch die internationalen Verbände der Sozialarbeitenden (IFSW) und der Ausbildungsinstitutionen für Soziale Arbeit (IASSW) bei der Erarbeitung internationaler Berufsstandards und Ethikkodizes gewählt und die Soziale Arbeit damit auf ein starkes, im Prinzip weltweit anerkanntes Fundament gestellt. Wie Silvia Staub-Bernasconi in ihrem Geleitwort schreibt, können soziale Probleme heute nicht mehr nur lokal oder national betrachtet werden, sondern es muss darum gehen, «individuelles Leiden und sozialstrukturelles Unrecht im Weltmassstab» in den Blick zu nehmen. Was dies für die Aus- und Weiterbildung bedeutet und wie eine Orientierung an den Menschenrechten im konkreten Berufsalltag stattfinden kann, sind Gegenstände dieses umfassenden Lese- und Arbeitsbuches.


Zielgruppe

Mit seinen zahlreichen didaktischen Hinweisen richtet sich das Buch in erster Linie an Studierende und Lehrende in der Aus- und Weiterbildung. Es bietet jedoch auch für Praktikerinnen und Praktiker eine anregende, den Horizont öffnende Lektüre.


Abstract

Das Lese- und Arbeitsbuch umfasst elf sehr unterschiedliche Beiträge, die in ihrer Gesamtheit eine beeindruckende Themenbreite menschenrechtsorientierter Sozialer Arbeit abdecken. Aus philosophischer Sicht werden die theoretischen Grundlagen und die historische Entwicklung der Menschenrechte dargestellt, Gerechtigkeit auf der Basis des Werks von John Rawls diskutiert und die Menschenrechtsbildung in der Sozialen Arbeit vorgestellt. In den praxisnahen Beiträgen manifestiert sich ein den Menschenrechten verpflichtetes, professionelles Engagement als Basis für solidarische Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika, in der Auseinandersetzung mit der andauernden Marginalisierung der Aborigines in Australien oder in der Arbeit mit Suchkranken und Wohnungslosen in Deutschland. Ein düsteres Kapitel Schweizer Sozialgeschichte, die bis weit ins 20. Jahrhundert praktizierte, von Vormundschaftsbehörden und Sozialarbeitenden mitgetragene Praxis der so genannten 'Verdingkinder' wählt Edi Martin als Hintergrund seines Beitrages zur Operationalisierung ethischen Handelns in der Sozialen Arbeit. Wissenschaftliche Fundierung und methodisches Vorgehen sollen helfen, solche Fehlentwicklungen künftig zu verhindern. Der Beitrag von Hans Walz zeigt, wie man ausgehend von unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen und theoretischen Konzepten zu einem breit abgestützten Berufsethos Sozialer Arbeit finden kann. Die entsprechenden internationalen Richtlinien wurden verdienstvollerweise in einem ausführlichen Anhang zusammengestellt.


Empfehlung

Die Auseinandersetzung mit den ethischen Grundlagen der Profession ist für die Soziale Arbeit konstitutiv. Verstehen wir die globalisierte, interdependente Welt als ein soziales System, als eine Weltgesellschaft, so gehören dazu ganz zentral die von der UNO seit 1948 fortlaufend kodifizierten Menschenrechte. Das Lese- und Arbeitsbuch bietet informative Einblicke und ermöglicht eine fundierte Auseinandersetzung mit Theorie, Lehre und Praxis einer modernen, menschenrechtsorientierten Sozialen Arbeit. Die Vielfalt der Perspektiven entspricht der Komplexität und Universalität des Gegenstandes und macht das Buch zu einem reichen Fundus. Lehrende und Lernende werden durch zahlreiche didaktische Hinweise zur Weiterarbeit und eigenen Recherche angeregt, was in einigen Beiträgen den Lesefluss allerdings etwas hemmt. Die Orientierung fällt nicht immer leicht, manchmal wünschte man sich einen roten Faden. Als ausgezeichneter Einstieg empfiehlt sich der Beitrag von Hans Walz.


Die internationalen Menschenrechtsnormen sind als Regeln des Zusammenlebens zwar weltweit anerkannt, aber noch längst nicht überall umgesetzt. Ihre Richtigkeit und Gültigkeit lassen sich gemäss verschiedener Beiträge in diesem Buch mit einer Theorie menschlicher Bedürfnisse begründen. Demgegenüber kann jedoch auch die Ansicht vertreten werden, dass Menschenrechte wie jede Rechtsordnung und jede Ethik das Resultat gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse sind und bleiben werden. Die Menschenrechte sind weder vom Himmel gefallen, noch lassen sie sich in der Natur entdecken. Entsprechend müssen sie sorgsam gepflegt und weiterentwickelt werden. Indem sich die Soziale Arbeit an den internationalen Menschenrechten orientiert, stärkt sie nicht nur ihre eigene legitimatorische Basis, sondern trägt wesentlich zur Sicherung und Entwicklung der Menschenrechte selbst bei. Die Soziale Arbeit ist gefordert, sich als Gerechtigkeitsprofession (Mark Schrödter) lokal und global gestaltend einzumischen. Dieses Lese- und Arbeitsbuch ist dazu eine wichtige Ermutigung.

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Bibliografische Angaben

Autor/in Buch Hans Walz, Irmgard Teske, Edi Martin (Hrsg.)
Autor/in Rezension Michael Herzka
Verlag interact
Ort Luzern
Erscheinungsjahr 2011
Seitenzahl 396
ISBN-Nr. 978-3-906413-84-6